Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XV (Annäherung an eine Lösung: Das System der Erwerbsarbeit)

Was ich bisher zum Problem der Arbeitslosigkeit gesagt habe, führt zu Ende gedacht zu der Konsequenz, dass die bisherigen Versuche, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen, an dem eigentlichen Problem vorbeigehen. Wenn meine in Teil VII formulierte These zutreffend ist, stellt die zentrale, ja fast alternativlose Ausrichtung der wichtigsten unserer gesellschaftlichen Institutionen auf die Erwerbsarbeit das eigentliche Problem dar, das schließlich zum Scheitern der Bemühungen um eine Lösung führen wird.

Beschreibung des Systems der Erwerbsarbeit

Mit den wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen meine ich die grundlegenden, in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit der Mitglieder unserer Gesellschaft durchgeführten Tätigkeiten zum Nutzen jedes Einzelnen. Das bedeutet zum einen den materiellen Nutzen, wie die Verteilung von Einkommen oder die Bereitstellung von klassischen Schutzsystemen (Justiz, innere und äußere Sicherheit) sowie den moderneren Schutzsystemen gegen die wichtigsten Lebensrisiken (Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Altersarmut) und wichtigen zivilisatorischen Leistungen (Bildung, Kultur) sowie einer Infrastruktur für die verschiedenen täglichen Bedürfnise. Damit meine ich aber zum anderen auch die Funktionen zum immateriellen Nutzen jedes Einzelnen, wie der Teilhabe am öffentlichen Leben, der Erlangung eines Selbstbewusstseins aus der Fähigkeit, als mündiger Bürger den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, der Erlangung von Ansehen bei anderen aus der Fähigkeit, etwas zur Gemeinschaft beizutragen. Alle Leistungen dieser Institutionen sind in unserer modernen Gesellschaft sehr stark davon abhängig, durch Erwerbsarbeit erbracht und finanziert zu werden, egal ob das von den Bürgern privat erfolgt, oder als öffentliche Leistung, finanziert über Steuern beziehungsweise Beiträge zu Solidarsystemen, die ihrerseits hauptsächlich durch Erwerbsarbeit getragen werden.

Zusammengefasst möchte ich unser so ausgestaltetes Gesellschaftssystem mit dem Begriff „System der Erwerbsarbeit“ umschreiben und aus meiner in Teil VII formulierten These folgt, dass wir dieses System grundsätzlich überdenken müssen, um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft erhalten zu können. Letztlich wird es aus meiner Sicht darauf hinauslaufen, die einseitige Betonung der Erwerbsarbeit einzuschränken und in sinnvoller Weise durch andere Formen der Zusammenarbeit aller zu ergänzen.

Abkehr von den bisherigen Ansätzen

Dies ist, dessen bin ich mir bewusst, eine provokative Aussage, denn zur Zeit haben die Hauptrichtungen der politischen Auseinandersetzung um die richtige, die gerechte Art und Weise, die Früchte wirtschaftlicher Tätigkeit gemeinsam zu erarbeiten und aufzuteilen, so kontrovers bis zuweilen unversöhnlich sie sich auch gegenüberstehen, doch eines gemeinsam: Als der einzige Weg, dies zu erreichen, wird die Vollbeschäftigung angesehen, die über ein möglichst kräftiges Wirtschaftswachstum zu erreichen ist. Infolge dessen steht die Schaffung von bezahlten Arbeitsplätzen im Zentrum aller Bemühungen, also der feste Glaube an die zentrale Bedeutung der Erwerbsarbeit für unser aller Leben.

Positive Erfahrungen mit dem System der Erwerbsarbeit

Diese Haltung ist nur allzu verständlich, denn die allgemeine Verankerung der Überzeugung, eine gerechte Verteilung von Einkommen, Lebenschancen sowie Ansehen und eines positiven Selbstbildes solle für jedermann von einer wie auch immer gearteten Arbeitsleistung abhängen, ging geschichtlich betrachtet einher mit der festen Etablierung der Demokratie als der einzig akzeptablen Form der politischen Entscheidungsfindung. Dies war die Zeit, als die typischen Privilegien des Adels vom aufstrebenden Bürgertum immer weniger akzeptiert und letztlich abgeschafft wurden. Sie basiert außerdem auf einer protestantischen Arbeitsethik, die sich in etwa dem gleichen Zeitraum endgültig durchsetzte. Den gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Kräften in der Gesellschaft ermöglichte es diese allgemeine Akzeptanz der gewachsenen Bedeutung der Erwerbsarbeit, die Lebensbedingungen der Arbeiter als der zu jenem Zeitpunkt am meisten benachteiligten Bevölkerungsgruppe zu verbessern, indem sie schrittweise eine immer gerechtere Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen erstritten. Kurz gesagt war das System der Erwerbsarbeit über mehr als ein Jahrhundert ein Erfolgsmodell und es besteht allgemein eine erhebliche emotionale, teils religiöse Bindung der Menschen an das System der Erwerbsarbeit (ich beziehe mich hier auf verschiedene Aspekte der Werke von Charles Taylor und Hannah Arendt). Wer an diesem System etwas verändern möchte, muss sich darauf einstellen, auf erbitterten Widerstand zu stoßen.

Konsequente Argumentationslinie

Allerdings habe ich nun mit meiner in Teil VII formulierten These einen Gedanken begonnen, den ich in den kommenden Blogposts konsequent weiter führen möchte. Es kann durchaus sein, dass meine These sich als falsch erweist und das System der Erwerbsarbeit wird zukünftig wieder besser als im Moment die geeignete Grundlage dafür sein können, einen allgemeinen Wohlstand sicherzustellen. Ich glaube aber, auch in diesem Fall sind meine folgenden Ausführungen keineswegs rein theoretischer Natur, denn alle Stimmen gehen ja davon aus, dass der jetzige Zustand einer Veränderung bedarf.  Meine Hoffnung ist es, in zugespitzter Form einen konstruktiven Beitrag zu leisten, der die Diskussion weiter bringt, egal ob das System der Erwerbsarbeit „nur“ erneuert oder ob es am Ende ersetzt werden muss.