Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXI (Neue Wege zum Lebensunterhalt)

Nachdem ich nun in Teil XXIX und Teil XXX meine ersten Gedanken darüber entwickelt habe, wie ein sozial gerechtes und dem Gemeinwohl verpflichtetes Wirtschfts- und Sozialsystem in Zukunft aussehen könnte, hoffe ich, niemanden allzusehr verschreckt zu haben. Was ich begreiflich machen möchte ist, dass die abstrakten Grundsätze eines solchen Systems, wie ich sie in Teil XXIII aufgeschrieben habe, unter der Voraussetzung einer tiefgreifenden Veränderung der Wirklichkeit zu einer tiefgreifenden Veränderung der Vorstellung davon führen müssen, wie dieses System konkret ausgestaltet sein soll. Bislang habe ich versucht, aus meiner Spekulation über die Veränderung des Blickwinkels der Menschen darauf, welche Reichweite ein Wirtschafts- und Sozialsystem haben sollte, Rückschlüsse über den dazu notwendigen Rahmen wirtschaftlicher Betätigung zu ziehen. Notwendig sind aber auch Überlegungen darüber, wie unter den von mir unterstellten weiteren Veränderungen dieser Rahmen so ausgefüllt wird, dass dieses Wirtschafts- und Sozialsystem es den Menschen ermöglicht, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten und daraus das Selbstbewusstsein zu gewinnen, ein mündiger Bürger zu sein.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVI (Das Verschwinden der Arbeit, wie wir sie kennen)

Wie in Teil XXV angekündigt, unterstelle ich nun, dass ich mit meiner in Teil VII formulierten These recht habe. Diese Annahme zugrundegelegt, möchte ich spekulieren, welche Auswirkungen auf unsere Lebensbedingungen derart veränderte Rahmenbedingungen haben könnten. Beginnen möchte ich hierzu kurz damit, meinen Gedankengang bis zu jener These kurz zusammenfassen. Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVI (Das Verschwinden der Arbeit, wie wir sie kennen) weiterlesen

Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VIII (Gegenthese: demographische Entwicklung)

Bevor ich in der Diskussion weiter fortfahre, muss sich die von mir in Teil VII formulierte These zunächst gegen mögliche Einwände behaupten. Sie lässt sich nur so lange weiter aufrechterhalten, wie keiner dieser Einwände durchgreift. Einen der naheliegendsden Einwände möchte ich hier prüfen und zumindest einen weiteren in dem nächsten Blogpost. Alle, die weitere Einwände haben, möchte ich bitten, diese in einem Kommentar zu benennen.

Demographischer Wandel als Lösung?

Das jetzige Missverhältnis zwischen der Zahl der Arbeitssuchenden und der Zahl der verfügbaren Arbeitsplätze ist lediglich ein kurzfristiges Problem. Der demographische Wandel wird im Gegenteil den Mangel an Arbeitsplätzen schon bald zu einem Mangel an Arbeitskräften machen. Der Gedanke hinter diesem Einwand ist, dass in den kommenden Jahren immer mehr Menschen jenseits der Altersgrenze für den Eintritt in den Ruhestand und immer weniger in dem Alter sein werden, in dem sie am Arbeitsmarkt aktiv sind. Aufgrund dieser Entwicklung werden daher über einen längeren Zeitraum hinweg beständig mehr Menschen aus der Erwerbsarbeit ausscheiden, als neu hinzukommen. Es liegt also nahe, anzunehmen, dass immer mehr Ältere den Jüngeren „Platz machen“. Ich glaube aber, so einfach ist das nicht.

Aber: Weitere Verdrängung menschlicher Arbeit

Erstens muss man für diesen Einwand davon ausgehen, dass die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft vor allem im Sekundärsektor und in den klassischen Bereichen des Tertiärsektors in dem gleichen Zeitraum bezogen auf den heutigen Stand nicht in wesentlichem Umfang weiter zurückgeht. Genau das wird nach meiner These aber der Fall sein, wenn die technologische Entwicklung nicht zum Stillstand kommt. Die demographische Entwicklung kann daher in strengem Sinne kein Einwand gegen meine These sein, da dieser Einwand einem zentralen Punkt voraussetzt, was er gerade zu beweisen versucht: Dass meine These in nicht zutrifft.

Zumindest Verlangsamung der Entwicklung?

Immerhin ist es nicht auszuschließen, dass die Folgen der demographischen Entwicklung die Verdrängung menschlicher Arbeitskraft aus der Produktion von Waren und Dienstleistungen zeitweilig abbremsen. Allerdings halte ich diesen Effekt für deutlich eingeschränkt, da ältere Maschinen und Werkzeuge erst nach und nach ersetzt werden und sich aus meiner Sicht die Auswirkungen des Einsatzes modernerer Maschinen und Werkzeuge aufgrund von Absprachen der Tarifvertragsparteien über sog. Jobgarantien heute noch nicht voll entfalten. Es ist zu erwarten, dass frei werdende Arbeitsplätze in vielen Fällen nicht neu besetzt werden.

Aber: Weitere Folgen der demographischen Entwicklung

Zweitens wird die demographische Entwicklung weitere Folgen haben, die direkten Einfluss auf das Potential der Erwerbsarbeit nehmen, den Lebensunterhalt des Einzelnen sicherzustellen. Das Verhältnis der Zahl der Menschen, die im aktiven Erwerbsleben stehen, zu der Zahl der Menschen, die noch nicht oder nicht mehr im aktiven Erwerbsleben stehen, wird sich ungünstig entwickeln. Die Finanzierung der zentralen sozialen Sicherungssysteme, der gesetzlichen Krankenversicherung und der gesetzlichen Rentenversicherung wird sich dadurch tendenziell auf weniger Schultern verteilen, da diese Finanzierung bislang im Wesentlichen auf der Grundlage von Erwerbsarbeit erfolgt. Das heißt, es wird aller Voraussicht nach ein größerer Anteil an zukünftigen Einkünften aus Erwerbsarbeit für diese Finanzierung aufzuwenden sein. Ein möglicher positiver Effekt des demographischen Wandels auf das Verhältnis der Zahl der Arbeitssuchenden zu der Zahl der verfügbaren Arbeitsplätze wird auf diese Weise aufgehoben, da vor allem geringer entlohnte Arbeitsplätze zur Sicherstellung des Lebensunterhalts nicht mehr ausreichen werden.

Aber: Wo entsteht mehr Bedarf an menschlicher Arbeit?

Drittens wird in einer alternden Gesellschaft wahrscheinlich ein wesentlicher Teil der Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft in Bereichen des Tertiärsektors auftreten, die sich der Sorge und Pflege älterer und kranker Menschen sowie der Betreuung und Erziehung von Kindern widmen. Diese Bereiche sind bereits heute unterfinanziert und ein positiver Effekt des demographischen Wandels auf das Potential der Erwerbsarbeit zur Sicherstellung des Lebensunterhalts des einzelnen dürfte stark davon abhängen, dieses Finanzierungsproblem zu lösen.

Wahrscheinlich allenfalls geringer Einfluss des demographischen Wandels

Zugegebenermaßen lässt es sich schwer in einem wissenschaftlichen Sinn beweisen, ob meine These zutrifft oder ob der vorgenannte Einwand durchgreift. Ich meine aber, es spricht auf jeden Fall mehr für meine These und gegen diesen Einwand. Wie die tatsächliche Entwicklung sein wird, muss sich zeigen. Ich bin allerdings überzeugt, die von mir skizzierte Entwicklung sollte ernsthaft diskutiert werden, zunächst in der Auseinandersetzung mit einem weiteren Einwand.

Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VII (Erwerbsarbeit als Verteilungsmaßstab?)

Am Ende von Teil VI habe ich meine These, es könne selbst unter den besten Bedingungen auf der Grundlage der heutigen Struktur der Wirtschaft  nicht mehr genügend Erwerbsarbeit für alle zur Verfügung gestellt werden, damit begründet, dass der Erwerbsarbeit die finanziellen Mittel ausgehen.

Ein anderer Verteilungsmechanismus

Den Grund dafür sehe ich in der in Teil VI beschriebenen Verdrängung menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen im primären und sekundären Wirtschaftssektor. Dadurch werden die Gewinne aus dem Verkauf der dort produzierten Güter nämlich anders aufgeteilt, als bei einem stärkeren Einsatz von menschlicher Arbeitskraft: Als Raten für Kredite, die aufgenommen wurden, um die zur Produktion nötigen Werkzeuge und Maschinen zu erwerben, als Gewinnanteile unter den Eigentümern der produzierenden Unternehmen. Diese Art der Verteilung erreicht im Ergebnis weit weniger Menschen, als diejenige auf der Grundlage von Erwerbsarbeit, weil sie den Menschen zugute kommt, die zuvor finanzielle Mittel investiert haben, entweder direkt oder als Spareinlage bei Finanzinstituten. Um dazu in der Lage zu sein, müssen den Menschen diese finanziellen Mittel zur Verfügung stehen. Je mehr ein einzelner Mensch investieren kann, um so mehr Gewinn kann er erzielen. Wer aber die ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel überwiegend zur Bestreitung des Lebensunterhalts einsetzen muss, wird auf diese Weise an den in einer Volkswirtschaft erzielten Gewinnen über ein bescheidenes Maß hinaus nicht beteiligt werden.

Verlagerung von Erwerbsarbeit

Der Entzug der Mittel des wirtschaftlichen Kreislaufs auf Basis der Erwerbsarbeit geschieht langsam und fällt teilweise nicht besonders auf. Immerhin arbeiten auch in der Verwaltung der produzierenden Unternehmen und bei finanziellen Dienstleistern Menschen und die neuen, verbesserten Werkzeuge und Maschinen, die eingesetzt werden, müssen zu einem Teil mit Hilfe menschlicher Arbeit hergestellt werden. In diesen Bereichen können durch die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft im primären und sekundären Wirtschaftssektor sogar mehr Menschen gegen gute Bezahlung beschäftigt werden. Dieser Zuwachs ist aber nicht so groß, dass die durch den Einsatz verbesserter Werkzeuge und Maschinen verringerte Nachfragekapazität für Erwerbsarbeit ausgeglichen werden kann.

Neue Bereiche des Dienstleistungssektors

Die weitaus meisten Menschen suchen und finden andere Möglichkeiten der Beschäftigung, vorwiegend im Tertiärsektor, der neben seinen klassischen Bereichen (Handel, Banken, Versicherungen, Gesundheit, Entsorgung) auch neuere (Information, Kommunikation, Wellness, Lifestyle) und solche enhält, die klassischer Weise bestehen, aber jetzt und in Zukunft wichtiger werden (Pflege kranker und alter Menschen, Erziehung und Betreuung von Kindern). Da die klassischen Dienstleistungsbereiche bereits eine gewachsene Beschäftigtenstruktur besitzen, werden diese Möglichkeiten der Beschäftigung wahrscheinlich in den neueren Bereichen entstehen. Problematisch ist aber dabei immer deren Bezahlbarkeit.

Der Wert von Dienstleistungen

Der Preis von Waren und Dienstleistungen bestimmt sich bekanntlich nach Angebot, Nachfrage und der verfügbaren Kaufkraft. Je größer das Angebot unter sonst gleichen Bedingungen, desto niedriger der Preis und jeder Preis kann nur so lange erzielt werden, wie es eine Nachfrage von Interessenten gibt, die bereit und in der Lage sind, diesen Preis auch zu zahlen. Der tatsächlich erzielbare Preis einer ausgeübten Dienstleistung bestimmt auch im Wesentlichen deren Wert, da sie in der Regel nicht auf Vorrat erbracht werden kann und nur eingeschränkt für ihren Erbringer selbst nutzbar ist. Wer seinen Lebensunterhalt bestreitet, indem er Dienstleistungen erbringt, ist also darauf angewiesen, laufend genügend Interessenten zu finden, die für diese Dienstleistung einen angemessenen Preis zahlen können und wollen.

Mangel an kaufkräftiger Nachfrage

Da die Kaufkraft der Menschen begrenzt ist, werden die Menschen zunächst immer die für sie wichtigsten Waren und Dienstleistungen nachfragen, also diejenigen, die zum Leben unbedingt notwendig sind. Da eine stetige Nachfrage nach einem Produkt bewirkt, dass genau dieses Produkt verstärkt angeboten wird, und da die Art der zum Leben unbedingt notwendigen Produkte sich über die vergangenen Jahre nicht grundlegend verändert hat, richtet sich erwartungsgemäß ein erheblicher Teil der Nachfrage der Menschen neben den entsprechenden Waren auf klassische Dienstleistungen. Hierher fließt auch ein großer Teil der verfügbaren Kaufkraft. Den neueren Bereichen des Dienstleistungssektors steht entsprechend tendenziell weniger Kaufkraft zur Verfügung. Das bedeutet, die meisten Menschen, die im primären und sekundären Wirtschaftssektor keine Erwerbsarbeit mehr finden, suchen diese in einem Bereich des tertieren Sektors, dem es tendenziell an kaufkräftiger Nachfrage mangelt. Die dort angebotenen Dienstleistungen werden nur zu einem niedrigen Preis oder gar nicht nachgefragt.

Fortlaufende Folgen dieser Entwicklung

Der Mechanismus, den Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit sicherzustellen, gerät dadurch ins Stocken, ausgelöst durch die Dynamik der technologischen Entwicklung. Es ist nicht absehbar, dass diese Dynamik in absehbarer Zeit zum Erliegen kommt, außer durch Ereignisse, wie Krieg oder Naturkatastrophen, die niemand wünschen kann.

Die ausformulierte These

Meine These lautet also, dass aus den Gründen, die ich in den ersten sieben Blogposts versucht habe zu entwickeln, Erwerbsarbeit als Instrument zur Verteilung der Gewinne einer Volkswirtschaft an Bedeutung mehr und mehr verlieren wird. Erwerbsarbeit wird dadurch immer schlechter in der Lage sein, den Lebensunterhalt der Menschen zu sichern. Der Bedarf an menschlicher Tätigkeit wird – vor allem im Bereich zwischenmenschlicher Dienstleistungen – bestehen bleiben oder noch anwachsen, es werden jedoch immer weniger Finanzmittel verfügbar sein, um diese Arbeit zu bezahlen. Das ist das eigentliche Problem, wenn man von dem Problem der Arbeitslosigkeit redet.

Diese These soll nun die Grundlage für meine weiteren Überlegungen sein. Wichtig: Wer dieses Blogpost liest und meine These für falsch hält, die oder den möchte ich ausdrücklich bitten, mir dies in einem Kommentar mitzuteilen. Ich bin nämlich der Überzeugung, dass es unerlässlich ist, das Problem der Arbeitslosigkeit genau zu analysieren, wenn wir es tatsächlich lösen wollen, und wenn ich recht habe, dann gehen alle Maßnahmen, die dazu bislang versucht worden sind und möglicherweise in näherer Zukunft versucht werden, am eigentlichen Problem vorbei. Das möchte ich in den nächsten Blogposts untersuchen.

Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VI (Verdrängung menschlicher Arbeitskraft)

Wie in Teil V skizziert, setzte mit der Industrialisierung eine Dynamik ein, die es schließlich ermöglichte, genügend Waren und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, um die Grundbedürfnisse aller Menschen zuverlässig befriedigen zu können. Auf dieser Grundlage konnte schließlich die Demokratie auch wirtschaftlich erfolgreich sein und sich – zumindest in weiten Teilen der Welt – als Regierungsform durchsetzen. Es wurde sogar möglich, Luxusgüter für jedermann erschwinglich zu machen. Um die dazu nötige Kaufkraft zu erwerben, sind die Menschen im Wesentlichen auf Erwerbsarbeit angewiesen. Das ist der Anreiz, den in Teil II beschriebenen Mechanismus aufrecht zu erhalten und Arbeit sogar als Gut an sich zu betrachten, das man besitzen kann.

Fortschritt bedeutet Arbeitsplätze – oder?

Warum aber ist es nicht gelungen, den technologischen Fortschritt – das heißt die verbesserten Werkzeuge und Maschinen – so zu nutzen, dass aufgrund des Mechanismus alle Menschen in den Besitz eines Arbeitsplatzes kommen, die danach suchen? Genau das ist doch bis heute das erklärte Ziel der Politik, egal von welcher Partei sie gerade bestimmt wird. Liegt es tatsächlich an mangelndem Fleiß und Einsatzwillen, fehlender Flexibilität, falschen Schwerpunkten in der Berufsausbildung oder überzogenem Anspruchsdenken der Menschen, die keine Arbeit haben? So wird es doch – ausgesprochen oder unausgesprochen – in der öffentlichen Debatte immer wieder suggeriert, leider auch durch meine Partei, die SPD, in der Verteidigung der Agenda 2010.
Sind wir alle selbst schuld an unserer Misere und jammern viel zu viel?

Abschied von der Vollbeschäftigung

Meiner Überzeugung nach nein! Sicher gibt es auch Menschen, die nicht die Tugenden der Arbeitsgesellschaft teilen. Aber meine These ist: Selbst wenn sich alle Menschen für die Bedürfnisse der Arbeitgeber ideal verhielten (Es stellt sich die Frage, ob das unter dem Blickwinkel eines menschlichen Zusammenlebens überhaupt vernünftig wäre! Siehe hierzu auch „Das Unbehagen an der Moderne“ von Charles Taylor), wäre es unter heutigen Bedingungen nicht möglich, genügend Nachfrage nach Erwerbsarbeit zu erzeugen, um damit allen Menschen eine gesicherte Grundlage für den Erwerb der Mittel zu verschaffen, die zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts notwendig sind.

Um diese These zu untermauern, möchte ich die oben dargestellte Dynamik der Industrialisierung noch näher betrachten. Diese Dynamik hat menschliche Arbeitskraft so viel effizienter einsetzbar gemacht, dass viele Produktionsprozesse von menschlicher Atbeitskraft unabhängig geworden sind. Man überlege sich zum Beispiel, wie viele Menschen heute nötig sind, um eine Autofabrik zu betreiben und wie viele das noch vor 20 Jahren waren.

Von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft

Das hat Folgen für die Art der Arbeitsplätze, die Arbeitnehmern in neuerer Zeit zur Verfügung stehen. Betrachtet man die klassischen Wirtschaftssektoren Urproduktion (Primärsektor), industrielle Produktion (Sekundärsektor) und Dienstleistungen (Tertiärsektor), dann zeigt sich in der zeitlichen Entwicklung, dass der Primär- und der Sekundärsektor in Bezug auf den Einsatz menschlicher Arbeitskraft ganz massiv an Bedeutung verloren haben. Dagegen ist der Tertiärsektor für die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft immer wichtiger geworden. Zur Beschreibung dieser Veränderung der  Arbeitswelt hat sich der Begriff „Dienstleistungsgesellschaft“ entwickelt, auf die wir uns zubewegen bzw. die wir bereits erreicht haben und die geänderte Anforderungen an die Menschen stellt. Allerdings hat es sich aus meiner Sicht gezeigt, dass der Tertiärsektor nicht genügend Nachfrage nach bezahlten Arbeitskräften erzeugen konnte, um die ausbleibende Nachfrage aus den beiden anderen Sektoren auszugleichen.

Erwerbsarbeit als Verteilungsmechanismus

Der Grund dafür wird meines Erachtens klar, wenn man sich noch einmal verdeutlicht, auf welche Weise Erwerbsarbeit ihre Funktion als Mechanismus zur gerechten Verteilung von Mitteln zur Bestreitung des Lebensunterhalts erfüllt. Das Geld, das als Einkommen denjenigen gezahlt wird, die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, muss als Gewinn aus dem Verkauf von Waren und der Erbringung von Dienstleistungen erwirtschaftet werden. Dazu ist es notwendig, dass Menschen für diese Waren und Dienstleistungen Geld ausgeben. Das hierzu nötige Geld erhalten die meisten Menschen wiederum als Einkommen aus Erwerbsarbeit, in geringerem Umfang als Zinsen aus Vermögen, dessen Verzehr oder aus sozialstaatlichen Transferleistungen. Wenn alles so funktioniert, wie gewünscht, ist Erwerbsarbeit also der Motor eines Kreislaufs, der einen Teil der erwirtschafteten Gewinne einer Volkswirtschaft in der Bevölkerung verteilt.

Der Hintergrund meiner These ist: Diesem Kreislauf werden die finanziellen Mittel entzogen, wenn im primären und sekundären Wirtschaftssektor weniger Erwerbsarbeit und dafür mehr Maschinenkraft eingesetzt wird. Das möchte ich gerne im nächsten Teil näher ausführen.