Eine gerechte Grundstruktur der Gesellschaft

Die Schwierigkeiten, eine bestimmte Personengruppe als Anknüpfungspunkt für die Bemühungen um soziale Gerechtigkeit zu finden (siehe Blogpost Soziale Gerechtigkeit), macht es aus meiner Sicht nötig, einen umfassenderen Ansatz zu wählen. Nicht eine bestimmte Klientel sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Der Philosoph John Rawls hat beispielsweise die Grundstruktur der Gesellschaft als Ansatzpunkt gewählt, um seine Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit darzulegen:

„[…] die Art, wie die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen Grundrechte und -pflichten und die Früchte der gesellschaftlichen Zusammenarbeit verteilen. Unter den wichtigsten Institutionen verstehe ich die Verfassung und die wichtigsten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. (vgl. John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Kapitel 1, Abschnitt 2).“

Wohlverstandene Interessen des Einzelnen und das Wohl aller

Diese Grundstruktur soll nach Möglichkeit so beschaffen sein, dass die Menschen, die dieser Gesellschaft angehören, alleine dadurch, dass sie ihre wohlverstandenen Interessen verfolgen, das Wohl aller fördern. Das sagt immer noch nicht viel darüber aus, welche politische Richtung konkret verfolgt werden sollte und durch welche Maßnahmen das erreicht werden kann. Zumindest ist aber der Ansatzpunkt ein wenig klarer und widersprüchliche Ergebnisse einer reinen Klientelpolitik wird nach Möglichkeit vermieden.

Liberalismus?

Rawls wird zwar immer als ein Vertreter des Liberalismus angesehen, aber ich finde, eine solche Einordnung spiegelt eher ein amerikanisches als ein deutsches Verständnis von Liberalismus wieder. Meiner Meinung nach hat Rawls auch Sozialdemokraten einiges zu sagen. Auf keinen Fall sollte man Rawls dem organisierten Liberalismus in Deutschland überlassen. Denjenigen, die unter Liberalismus lediglich verstehen, die Wohlhabenden sollten möglichst nicht von den Bedürfnissen ärmerer Gesellschaftsschichten am ungestörten Genuss ihres Reichtums gehindert werden, sollte man jedenfalls die Lektüre von Rawls dringend empfehlen.