Die Zukunft des Internets – von der Notwendigkeit der Kommunikation

Auf der Website businesinsider.com ist kürzlich ein interessanter Artikel erschienen, der sich mit der Zukunft des Internets befasst. Urheber des Artikels ist der amerikanische Industrieverband „National Cable & Telecommunications Association (NCTA)“.  Er zitiert einige in den USA anerkannte Experten zu diesem Thema mit Aussagen darüber, wie sich die Nutzung des Internet innerhalb der kommenden fünf, zehn und fünfzehn Jahre verändern könnte und wie sich das gesellschaftlich auswirken könnte. Ich möchte ein paar Aussagen des Artikels aufgreifen, allerdings unter dem erweiterten Blickwinkel der Kommunikation.

Die Vorhersagen der Experten

Bereits im Jahr 2013 sagte der Vorstandsvorsitzende von Google, Eric Schmidt, vorher, es werde innerhalb von fünf Jahren allen Menschen weltweit möglich sein, Zugang zum Internet zu erhalten. In zehn Jahren werden nach Ansicht des Internetpioniers David Hughes die Menschen virtuelle Staaten gründen, die sich nicht mehr territorial, sondern nach gemeinsamen Interessen definieren. Die amerikanische Professorin Nicole Ellison wird mit der Erwartung zitiert, dass sich die Menschen aufgrund der zunehmenden Vernetzung auch die weltweit sehr unterschiedlich verteilten Chancen auf ein gutes Leben stärker bewusst machen werden, was die meisten als eine nicht hinnehmbare Ungerechtigkeit empfinden werden. In fünfzehn Jahren erwartet der amerikanische Blogger George Dvorski gar die Anbindung des Weltraums an das irdische Internet.

Utopien? Aber durchaus realistische!

Für viele Leser mag sich das jetzt allzu utopisch anhören, einiges davon halte ich aber für durchaus realistisch. Den Bedeutungsverlust von Nationalstaaten kann ich zum Beispiel gut nachvollziehen, wenn ich auch bei den Strukturen, die da neu entstehen, nicht von Staaten sprechen möchte. Entscheidend ist die Kommunikation. Menschen, die miteinander kommunizieren und bestimmte Interessen teilen, entwickeln nahezu automatisch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Da die weltweite Kommunikation zumindest technisch nicht mehr an nationale Grenzen gebunden ist, werden es auch die neuen emotionalen Verbindungen nicht sein. Die logische Folge ist, dass die Begrenzung durch die Nationalstaaten mehr und mehr in Frage gestellt wird. Ebenso halte ich die Schlussfolgerung von Professor Ellison, die Welt werde zu einem emphatischeren Ort werden, für plausibel. Menschen, die miteinander emotional verbunden sind, haben ein gegenseitiges Interesse am Wohlbefinden des jeweils anderen.

Die Entwicklungen, die nach fünfzehn Jahren vorhergesagt werden, finde ich dagegen etwas einfallslos. Die digitale Vernetzung auch ins Weltall auszudehnen, halte ich für nicht sehr sinnvoll, solange sich der Lebensraum der Menschen mit Ausnahme der Besatzung einiger Raumstationen ausschließlich auf der Erde befindet. Aber der Artikel fordert auch alle auf, eigene Gedanken und Utopien zu entwickeln.

Wenn schon rumspinnen, dann sinnvoll

Meine Utopie setzt an dem Problem an, dass die Kommunikation über Grenzen hinweg bis zum heutigen Tag so limitiert ist, weil die Menschen einander schon rein sprachlich nicht verstehen. Wenn die weltweite digitale Vernetzung tatsächlich zu vermehrter weltweiter Kommunikation und so zu weltweiter Verbundenheit der Menschen führen soll, müssen sich die Menschen gegenseitig verstehen. Verstehen bedeutet dabei nicht die reduzierte Art von Verständnis, wenn jemand eine Sprache spricht, die nicht seine Muttersprache ist, sondern ein tiefer gehendes Verständnis auch für Zwischentöne.

Das soll nicht bedeuten, dass die Zahl der Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden, reduziert werden müsste. Es dürfte auch wenig aussichtsreich sein, sich auf eine der gesprochenen Sprachen als „Weltsprache“ zu einigen. Letztlich werden die Menschen aber nicht umhin können, etwas für das gegenseitige Verstehen zu tun. Warum sollte es nicht möglich sein, die heute verfügbare Technologie  weiter zu entwickeln und damit einen ähnlichen Effekt zu erreichen, wie das Lebewesen, das Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“ den Babelfisch genannt hat? Es ist gewiss satirisch gemeint, wenn Adams beschreibt, dass man sich den Babelfisch ins Ohr einsetzt, damit der sich dann von Hirnwellen ernährt und Bedeutung telepathisch wieder aussendet. Genial gedacht ist es allemal, denn so könnten alle ihre eigene Sprache sprechen und einander trotzdem verstehen.

Ist eine solche Utopie nicht viel sinnvoller, als Glasfaserkabel auf dem Mars zu verlegen?

Der reine Fortbestand reicht nicht

Vergangene Woche hat die Bundeskanzlerin in einer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die Aufgabe der Politik betont, vernünftige Rahmenbedingungen für eine funktionierende Wirtschaft zu setzen und dabei eine vermeintlich selbstverständliche Wahrheit ausgesprochen: „Wir brauchen Jobs. Arbeitsplätze müssen in Bereichen entstehen, die auch langfristig hochqualifizierte Beschäftigung versprechen.“

Es ist ein Satz, der auch von vielen anderen Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft nahezu täglich zu hören ist. Was ist aber, wenn dieser Satz gar keine selbstverständliche Wahrheit ist, sondern das eigentliche Problem beschreibt, das es zu lösen gilt? Die Gleichung „funktionierende Wirtschaft ist gleich genügend Arbeitsplätze ist gleich Wohlstand für alle“ war ja im zwanzigsten Jahrhundert sehr wohl gültig. Aber ist sie deswegen tatsächlich ein unverrückbares Naturgesetz?

Nicht das Ende der Entwicklung

Wer in diesem Blog schon mal den einen oder anderen Artikel gelesen hat, wird wissen, dass ich die vorangegangene Frage mit „Nein“ beantworte. Den Tauschhandel Arbeitskraft gegen Geld in den Mittelpunkt aller gesellschaftlichen Regeln zu stellen, ist in der Geschichte der Menschheit tatsächlich das vorläufige Ende einer langen Entwicklung. Es ist gewiss nicht erstrebenswert, den derzeitigen Stand der Entwicklung gegen einen früheren einzutauschen, die Betonung muss aber auf dem Wort „vorläufig“ liegen. Jede Epoche hatte ihre spezifische Art und Weise, die einzelnen Menschen in eine arbeitsteilige Gesellschaft einzubinden. Wie das im Einzelnen aussah, war immer auch davon abhängig, welche technischen Möglichkeiten zur Verfügung standen, Ziele gemeinsam zu erreichen.

Der Einfluss technologischer Entwicklung

Das Aufkommen neuer technologischer Möglichkeiten hat deswegen immer auch gesellschaftliche Veränderungen nach sich gezogen. Leider haben sich solche Veränderungen in der Vergangenheit oft nicht problemlos vollzogen, sondern haben vielen Menschen zunächst einmal Probleme bereitet, die auch existenzbedrohend sein konnten. Das hat immer allgemein zu Verunsicherung geführt und existenziell verunsicherte Menschen neigen – damals wie heute – dazu, ihre schlechtesten Eigenschaften zu zeigen.

Die Welt befindet sich gerade inmitten zweier neuer technischer Revolutionen, deren Ausmaße erst beginnen, sich abzuzeichnen:

  • Die rasant fortschreitende Automatisierung immer komplexerer Handlungsabläufe wirft, anders als frühere technische Neuerungen, nicht mehr nur die Frage auf, wie Menschen besser zusammenarbeiten können, um die materiellen Grundlagen des Lebens zu schaffen. Die Frage ist heute, wo und in welchem Umfang eine Zusammenarbeit von Menschen überhaupt noch notwendig ist.
  • Die radikal verbesserten Möglichkeiten der digitalen Kommunikation lassen Menschen näher zueinander rücken und schaffen eine weltweite Öffentlichkeit, ohne sich auf ein bereits vorhandenes gemeinsames Verständnis von der Art und Weise eines Zusammenlebens stützen zu können.

Gesellschaftliche Zusammenarbeit neu denken

Beide genannten technischen Revolutionen werden es – eher früher als später – notwendig machen, grundlegend neue Formen einer gesellschaftlichen Zusammenarbeit zu finden. Die Tätigkeit von Menschen wird sich anderen Aufgaben widmen, als das bis heute der Fall ist. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie die als Existenzgrundlage benötigten Güter für die Menschen verfügbar werden, auch wenn zu deren Herstellung immer weniger Menschen tätig werden müssen. Das alles kann nicht mehr nur auf die bisher maßgeblichen nationalen und kontinentalen Grenzen bezogen geschehen, sondern es ist unerlässlich, globales Handeln auch mit seinen gesamten globalen Auswirkungen zu betrachten.

Bislang eher Verunsicherung

Die politischen Akteure haben ganz offensichtlich die veränderten und sich weiter verändernden Rahmenbedingungen bislang genau so wenig zur Kenntnis genommen (geschweige denn verstanden), wie weite Teile der Bevölkerung. Lediglich die Verunsicherung ist allenthalben groß. Man kann die Bereitschaft vieler Menschen, sich fanatischen religiösen Predigern zuzuwenden, oder reflexhaft alles ihnen Unbekannte abzulehnen, in diese Richtung interpretieren.

Die politisch Verantwortlichen müssen in der Tat ihrer Aufgabe gerecht werden und „die richtigen Rahmenbedingungen setzen“, insofern stimme ich der Kanzlerin zu. Die Lösung der Probleme kann aber nicht alleine in der Stabilisierung der Arbeitsgesellschaft in ihrer hergebrachten Form liegen, wie es in Deutschland seit der Durchführung der Agenda 2010 geschieht und wie es anderen europäischen Staaten verordnet worden ist.

Reine Notfallpolitik wird nicht ausreichen

Dies ist eine reine Notfallpolitik. Immerhin ist es mit ihrer Hilfe bislang gelungen, wichtige Institutionen wie die Sozialversicherungssysteme kurzfristig in ihrem Bestand zu sichern und öffentliche Haushalte zu sanieren. Es wird dagegen künftig nicht gelingen, diese Institutionen leistungsfähig zu erhalten, wenn ihr Bestand nur um den Preis gesichert werden kann, ihren Nutzen für den Einzelnen weiter einzuschränken. Genau das ist aber zu befürchten, wenn weiterhin alle gesellschaftlichen Institutionen hauptsächlich darauf ausgerichtet sind, durch bezahlte Arbeitsleistung die Existenz jedes Einzelnen sicherzustellen, denn es wird nicht mehr genügend Arbeitsplätze geben, die auch angemessen bezahlt werden. Es wird dann immer weniger vorteilhaft sein, das System weiter aufrecht zu erhalten; es wird sich schließlich sogar nachteilig auswirken.

Spätestens dann werden sich Veränderungen automatisch ergeben, können aber nicht mehr gestaltet werden. Durch Sparmaßnahmen und Notprogramme ist es möglich, Zeit zu gewinnen. Es ist aber fahrlässig, diese Zeit nicht zu nutzen, um gesellschaftliche Zusammenarbeit zum Wohle aller neu zu erfinden.