Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXI (Zusätzlich zu berücksichtigen: Das Zusammenwachsen unserer Welt)

Aus dem fünften Merkmal des Systems der Erwerbsarbeit in seiner idealen Ausprägung, der Befriedigung unserer Bedürfnisse auf eine nachhaltige Art und Weise, folgt noch ein weiteres notwendiges Merkmal eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems dem ich eine eigenständige Bedeutung beimesse.

Weiteres Merkmal eines guten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems: Berücksichtigung des Zusammenwachsens unserer Welt

Ein solches System muss auch unter den Bedingungen einer fortschreitenden Globalisierung unserer Welt sinnvoll funktionieren. Dieses Merkmal ist bislang weder in der Realität, noch im theoretischen Diskurs einer breiteren Öffentlichkeit ernsthaft berücksichtigt worden, weil es bis vor wenigen Jahren kaum überhaupt als problematisch erkannt worden ist. Deswegen möchte ich es auch nicht als ein Merkmal des Systems der Erwerbsarbeit in seiner idealen Ausprägung beschreiben, sondern als Merkmal eines alternativen Systems (das ja durchaus auch ein weiterentwickeltes System der Erwerbsarbeit sein könnte, siehe Teile XV und XVI).

Die Auswirkungen unseres Handelns lassen sich räumlich nicht mehr begrenzen

In Teil XX ist der Gedanke bereits angeklungen, dass eine nachhaltige Art zu wirtschaften es beinhaltet, die grenzüberschreitende Bedeutung des Umweltschutzes angemessen zu berücksichtigen. Der Gedanke der Globalisierung geht darüber allerdings noch weit hinaus. Unsere Welt ist mittlerweile durch international vernetzte Produktionsabläufe, verbesserte Möglichkeiten der Komunikation sowie erweiterte Möglichkeiten der Mobilität derart miteinander verbunden, dass sich sämtliche denkbaren Auswirkungen unseres Handelns nicht mehr auf unsere nähere oder fernere Umgebung begrenzen lassen. Umgekehrt bekommen auch wir mehr und mehr die Auswirkungen der Handlungen von Menschen aus Gegenden überall auf der Welt zu spüren. Wirklich begonnen wahrzunehmen haben wir Bürger der industrialisierten Gesellschaften das wohl erst, als in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts immer mehr Menschen aus Not leidenden Regionen der Welt keinen anderen Ausweg mehr wussten, als ihre angestammte Umgebung zu verlassen und in den besser gestellten Regionen zu versuchen, von dem dort ganz selbstverständlich zur Schau gestellten Reichtum auch etwas zu erlangen. Weiter ist diese Vernetzung in unser Bewusstsein gerückt, seit Waren, die wir täglich gebrauchen, zunehmend auch in anderen Teilen der Welt für niedrigere Löhne sowie unter ungünstigeren Arbeitsbedingungen produziert werden und dies zu Lasten hiesiger Arbeitnehmer geht. Vollends ist das Zusammenwachsen der Welt in unser alltägliches Bewusstsein gerückt, als uns klar geworden ist, dass die Zahlungsunfähigkeit vieler Häuslebauer in den USA letzten Endes die Arbeitsplätze bei Opel in Europa bedrohen kann oder dass die Erfolge einiger über den ganzen Globus verstreuter Wertpapierhändler dadurch erkauft sind, die Menschen in Griechenland an den Rand eines Bürgerkriegs zu treiben.

Wir Bürger der Industriestaaten sind keineswegs die Opfer der Globalisierung, für die wir uns immer halten

Meine Beispiele sollen verdeutlichen, dass Globalisierung immer von den Menschen besonders eindrücklich wahrgenommen wird, die sich von ihr bedroht fühlen. Dagegen nehmen es die allermeisten Menschen nicht wahr (oder verdrängen es), wenn ihre eigenen Verhaltensweisen bedrohliche Folgen für andere haben.Wer beschäftigt sich schon gerne mit mit der Frage, woher der eigene materielle Wohlstand kommt? Wir industrialisierte Gesellschaften importieren Rohstoffe aus allen Teilen der Welt, zum großen Teil aus den ärmeren Regionen, zu sehr niedrigen Preisen und exportieren am Ende einer langen Wertschöpfungskette einen großen Teil der daraus produzierten Waren zu hohen Preisen. Hinterfragen wir, welche Auswirkungen das für die Menschen in den Rohstoffe exportierenden Teilen der Welt hat? Kommt etwas von dem Geld, das wir für Rohstoffe zahlen, allen Menschen zugute oder führt der Streit um dessen Verteilung zu bewaffneten Konflikten? Erfolgt der Abbau der Rohstoffe, ohne das Lebensumfeld der dort lebenden Menschen zu zerstören? Wenn wir ehrlich sind, wollen wir das alles gar nicht so genau wissen! Gleichwohl halten wir es für selbstverständlich, dass ein nicht unerheblicher Teil der in dieser Wertschöpfungskette erzielten Gewinne unser Wirtschafts- und Sozialsystem stützt, von dem wir trotz seines immer vorhandenen Verbesserungspotentials alle profitieren. Diese Entwicklung zeigt sich nicht erst seit gestern, sondern hat seine Ursprünge letztlich seit die ersten Entdecker in die neue Welt aufgebrochen und mit Schiffen voller Gold zurückgekehrt sind. Wir haben es nur niemals Globalisierung genannt.

Ein neues Verständnis für die Zusammenhänge unserer Welt ist notwendig

Ich bin davon überzeugt, dass wir lernen müssen, unsere einseitige Sicht auf die Globalisierung zu überwinden. Die Menschen in den unterprivilegierten Teilen der Welt werden ihre schlechten Lebenschancen nicht mehr allzu lange akzeptieren, sondern mit Macht darauf drängen, von der wirtschaftlichen Entwicklung stärker selbst zu profitieren. Man muss keine Horrorszenarien von neuen Völkerwanderungen oder kriegerischen Auseinandersetzungen bemühen, um zu erkennen, dass solche Forderungen mehr als berechtigt sind: Wer wollte es den Menschen in rohstoffreichen Regionen der Erde übel nehmen, wenn sie verlangen, mit diesen Rohstoffen selbst eine Wertschöpfungskette in Gang zu setzen und sich damit einen eigenen Wohlstand zu erwirtschaften, der nicht in weit entfernte Gebiete abfließt, aus denen sie selbst ausgeschlossen sind? Wir müssen lernen, unsere Eigenschaft als Bedrohung für andere wahrzunehmen, wenn wir über ein gerechtes Wirtschafts- und Sozialsystem nachdenken, das wir auch dauerhaft aufrecht erhalten können. Als zusätzliches Merkmal eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems halte ich eine angemessene Berücksichtigung der Tatsache des Zusammenwachsens unserer Welt für unverzichtbar.

Eine zusammenwachsende Welt bietet auch Chancen

Ich bin außerdem überzeugt, dass sich Globalisierung auch zum Vorteil aller auswirken kann, wenn man dem Zusammenwachsen unserer Welt offensiv gestaltend statt defensiv abwehrend begegnet. Weltweit agierende Unternehmen haben das schon längst begriffen und suchen für sich die günstigsten Produktionsbedingungen überall auf unserem Planeten. Die Bedrohungen für unsere Gesellschaften, die ich weiter oben beschrieben habe, entstehen vor allem daraus, dass wir einzelnen Menschen noch viel zu sehr in den nationalstaatlichen Strukturen denken, die sich in den vergangenen Jahrhunderten etabliert haben, die sich aber als immer weniger geeignet erweisen, die heutigen und vor allem die zukünftigen Probleme der Menschheit zu lösen. Gerade die sich immer weiter verbessernden Möglichkeiten der Kommunikation zeigen aber, dass die Menschen weltweit trotz aller zwischen ihnen bestehenden Unterschiede im Kern sehr ähnliche Wünsche und Bedürfnisse haben. Wir einzelnen Menschen müssen uns daher verbünden, um den Mächtigen ein ernst zu nehmendes Gegengewicht sein und die Berücksichtigung unserer Bedürfnisse erfolgreich einfordern zu können. Wir Sozialdemokraten sollten in diesem Sinne unserer altehrwürdigen Hymne der Internationalen eine moderne Bedeutung verleihen.

Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VI (Verdrängung menschlicher Arbeitskraft)

Wie in Teil V skizziert, setzte mit der Industrialisierung eine Dynamik ein, die es schließlich ermöglichte, genügend Waren und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, um die Grundbedürfnisse aller Menschen zuverlässig befriedigen zu können. Auf dieser Grundlage konnte schließlich die Demokratie auch wirtschaftlich erfolgreich sein und sich – zumindest in weiten Teilen der Welt – als Regierungsform durchsetzen. Es wurde sogar möglich, Luxusgüter für jedermann erschwinglich zu machen. Um die dazu nötige Kaufkraft zu erwerben, sind die Menschen im Wesentlichen auf Erwerbsarbeit angewiesen. Das ist der Anreiz, den in Teil II beschriebenen Mechanismus aufrecht zu erhalten und Arbeit sogar als Gut an sich zu betrachten, das man besitzen kann.

Fortschritt bedeutet Arbeitsplätze – oder?

Warum aber ist es nicht gelungen, den technologischen Fortschritt – das heißt die verbesserten Werkzeuge und Maschinen – so zu nutzen, dass aufgrund des Mechanismus alle Menschen in den Besitz eines Arbeitsplatzes kommen, die danach suchen? Genau das ist doch bis heute das erklärte Ziel der Politik, egal von welcher Partei sie gerade bestimmt wird. Liegt es tatsächlich an mangelndem Fleiß und Einsatzwillen, fehlender Flexibilität, falschen Schwerpunkten in der Berufsausbildung oder überzogenem Anspruchsdenken der Menschen, die keine Arbeit haben? So wird es doch – ausgesprochen oder unausgesprochen – in der öffentlichen Debatte immer wieder suggeriert, leider auch durch meine Partei, die SPD, in der Verteidigung der Agenda 2010.
Sind wir alle selbst schuld an unserer Misere und jammern viel zu viel?

Abschied von der Vollbeschäftigung

Meiner Überzeugung nach nein! Sicher gibt es auch Menschen, die nicht die Tugenden der Arbeitsgesellschaft teilen. Aber meine These ist: Selbst wenn sich alle Menschen für die Bedürfnisse der Arbeitgeber ideal verhielten (Es stellt sich die Frage, ob das unter dem Blickwinkel eines menschlichen Zusammenlebens überhaupt vernünftig wäre! Siehe hierzu auch „Das Unbehagen an der Moderne“ von Charles Taylor), wäre es unter heutigen Bedingungen nicht möglich, genügend Nachfrage nach Erwerbsarbeit zu erzeugen, um damit allen Menschen eine gesicherte Grundlage für den Erwerb der Mittel zu verschaffen, die zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts notwendig sind.

Um diese These zu untermauern, möchte ich die oben dargestellte Dynamik der Industrialisierung noch näher betrachten. Diese Dynamik hat menschliche Arbeitskraft so viel effizienter einsetzbar gemacht, dass viele Produktionsprozesse von menschlicher Atbeitskraft unabhängig geworden sind. Man überlege sich zum Beispiel, wie viele Menschen heute nötig sind, um eine Autofabrik zu betreiben und wie viele das noch vor 20 Jahren waren.

Von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft

Das hat Folgen für die Art der Arbeitsplätze, die Arbeitnehmern in neuerer Zeit zur Verfügung stehen. Betrachtet man die klassischen Wirtschaftssektoren Urproduktion (Primärsektor), industrielle Produktion (Sekundärsektor) und Dienstleistungen (Tertiärsektor), dann zeigt sich in der zeitlichen Entwicklung, dass der Primär- und der Sekundärsektor in Bezug auf den Einsatz menschlicher Arbeitskraft ganz massiv an Bedeutung verloren haben. Dagegen ist der Tertiärsektor für die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft immer wichtiger geworden. Zur Beschreibung dieser Veränderung der  Arbeitswelt hat sich der Begriff „Dienstleistungsgesellschaft“ entwickelt, auf die wir uns zubewegen bzw. die wir bereits erreicht haben und die geänderte Anforderungen an die Menschen stellt. Allerdings hat es sich aus meiner Sicht gezeigt, dass der Tertiärsektor nicht genügend Nachfrage nach bezahlten Arbeitskräften erzeugen konnte, um die ausbleibende Nachfrage aus den beiden anderen Sektoren auszugleichen.

Erwerbsarbeit als Verteilungsmechanismus

Der Grund dafür wird meines Erachtens klar, wenn man sich noch einmal verdeutlicht, auf welche Weise Erwerbsarbeit ihre Funktion als Mechanismus zur gerechten Verteilung von Mitteln zur Bestreitung des Lebensunterhalts erfüllt. Das Geld, das als Einkommen denjenigen gezahlt wird, die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, muss als Gewinn aus dem Verkauf von Waren und der Erbringung von Dienstleistungen erwirtschaftet werden. Dazu ist es notwendig, dass Menschen für diese Waren und Dienstleistungen Geld ausgeben. Das hierzu nötige Geld erhalten die meisten Menschen wiederum als Einkommen aus Erwerbsarbeit, in geringerem Umfang als Zinsen aus Vermögen, dessen Verzehr oder aus sozialstaatlichen Transferleistungen. Wenn alles so funktioniert, wie gewünscht, ist Erwerbsarbeit also der Motor eines Kreislaufs, der einen Teil der erwirtschafteten Gewinne einer Volkswirtschaft in der Bevölkerung verteilt.

Der Hintergrund meiner These ist: Diesem Kreislauf werden die finanziellen Mittel entzogen, wenn im primären und sekundären Wirtschaftssektor weniger Erwerbsarbeit und dafür mehr Maschinenkraft eingesetzt wird. Das möchte ich gerne im nächsten Teil näher ausführen.