Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVIII (Meine Wünsche an die SPD)

Im vorangegangenen Blogpost habe ich aus meinen bisherigen Überlegungen zum Problem der Arbeitslosigkeit die Folgerung für die allgemeine Politik gezogen. Zum Abschluss meiner Überlegungen möchte ich nun noch darlegen, was ich mir von meiner Partei, der SPD wünsche.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IX (Gegenthese: Verlagerung der Kaufkraft)

Ein weiterer naheliegender Einwand gegen meine These lautet wie folgt: Erwerbsarbeit wird ihre Bedeutung als die Hauptquelle für die zur Bestreitung des Lebensunterhalts notwendigen Mittel deswegen nicht verlieren, weil die bei jeder technischen Weiterentwicklung frei werdende Kapazität an Arbeitskraft auf immer neue Bedürfnisse der Menschen trifft, die befriedigt werden wollen. Ein Mangel an verfügbarer Kaufkraft steht dem nicht entgegen, weil sich das Gewicht der wirtschaftlichen Bereiche, in denen die Menschen die ihnen zur Verfügung stehende Kaufkraft investieren, verschieben wird. In dem Maß, in dem in anderen Bereichen der Wirtschaft (Primär- und Sekundärsektor) weniger Menschen Erwerbsarbeit leisten, sinken dort auch die Produktionskosten. Die dort produzierten Waren können dann auch zu geringeren Preisen mit Gewinn verkauft werden. Ein funktionierender Wettbewerb wird dafür sorgen, dass dieses Potential für Preissenkungen realisiert wird. Gleichzeitig werden die Menschen immer neue Bedürfnisse nach Waren und Dienstleistungen entwickeln und zu deren Befriedigung auch Geld ausgeben. Eine Unterfinanzierung ist nicht zu erwarten.

Zwei Voraussetzungen

Dieser Einwand setzt zweierlei voraus, das einer näheren Überprüfung bedarf. Erstens: Die industrielle Fertigung von Waren führt immer zu sinkenden Preisen, wenn man die Kräfte des Marktes nur ungestört walten lässt. Zweitens: Soweit die Preise für industriell gefertigte Produkte sinken, fließt die dadurch bei den Verbrauchern frei werdende Kaufkraft im Wesentlichen in die Deckung des Bedarfs an Dienstleistungen. Beides halte ich nicht für zwingend.

Diskussion der ersten Voraussetzung

Für die erste Voraussetzung spricht zunächst, dass in den Bereichen der Wirtschaft, in denen die Produktion von Waren zu einem erheblichen Teil auf dem Einsatz menschlicher Arbeitskraft beruht, die Kosten hierfür einen entscheidenden Anteil an den Produktionskosten ausmachen. Diese Kosten fallen in dem Umfang, in dem menschliche Arbeitskraft durch Maschinen verdrängt wird, nicht an.

Was dagegen spricht – neue Kosten

Allerdings entstehen statt dessen auch neue Kosten. Die Entwicklung und Anschaffung neuer Maschinen kostet Geld, das in der Regel bei den Produzenten, die eine solche Maschine kaufen, nicht einfach so vorhanden ist. Dieses Geld muss von außen investiert werden (Darlehen, Anleihen, handelbare Gesellschaftsanteile). Es entstehen Kapitalkosten, die statt der Arbeitskosten einen Teil der Produktionskosten bilden. Neben diesen Kapitalkosten fallen beim Betrieb von Maschinen auch Betriebs- und Wartungskosten an, die ebenfalls auf die Produktionskosten anzurechnen sind. Wegfallende Kosten für menschliche Arbeitskraft führen also immer nur zum Teil zu einem Potential für Preissenkungen für industriell hergestellte Waren.

Geringere Gebrauchsdauer

Hinzu kommt ein Phänomen, das bereits von Hannah Arendt in „Vita Activa“ beschrieben worden ist. In Folge der Industrialisierung der Produktion von Waren hat sich die Dauer des Gebrauchs der so hergestellten Gegenstände reduziert. Zugespitzt wird das durch den Begriff der sogenannten „Wegwerfgesellschft“ beschrieben. Gegenstände werden konsumiert, das heißt erworben, verbraucht und entsorgt. Die dadurch entstehenden ökologischen Probleme sind nicht zu übersehen, sollen hier aber noch zurückgesellt werden. Wichtig ist für mich an dieser Stelle, dass auf diese Weise der Preis für ein einzelnes Exemplar eines Produkts sehr wohl sinken kann, während die Gesamtkosten, die ein Verbraucher für die dauerhafte Vorhaltung dieses Produkts aufwendet, im Vergleich mit früheren Kosten hierfür gleich bleiben oder sogar steigen kann. Die Möglichkeiten, Kaufkraft in anderen Bereichen zu investieren, ist dadurch deutlich eingeschränkt.

Diskusion der zweiten Voraussetzung

Der zweiten Voraussetzung für den hier untersuchten Einwand, frei werdende Kaufkraft fließe vor allem in den Bereich persönlicher Dienstleistungen, steht entgegen, dass die zu erwartende hohe Nachfrage nach diesen Dienstleistungen von Menschen ausgeht, die selbst in vielen Fällen nicht in der Lage sein werden, die dazu notwendige Kaufkraft aufzubringen. Der Bedarf ist ja in hohem Maße im Bereich der Pflege älterer und kranker Menschen sowie der Betreuung und Erziehung von Kindern zu erwarten. Das bedeutet, die notwendige Finanzierung dieser Dienstleistungen erfolgt durch Dritte: Angehörige, Versicherungseinrichtungen, Allgemeinheit. Versicherungseinrichtungen, wie beispielsweise die soziale Pflegeversicherung können aber bereits definitionsgemäß nicht mehr als eine Teilkostenversicherung darstellen. Erwartungsgemäß wird daher ein großer Teil der Finanzierungslasten für diese Dienstleistungen auf Angehörigen und der Allgemeinheit ruhen. Jeder einzelne wird also einen Teil der ihm zur Verfügung stehenden Finanzmittel dazu beitragen müssen und dadurch das Budget für den eigenen Lebensunterhalt schmälern. Die Bereitschaft, Geld in diese Dienstleistungen für Dritte zu investieren, wird daher eher gering sein, besonders wenn sie keinem Angehörigen zugute kommt.

Ergebnis: Kein durchgreifender Einwand

Beide Voraussetzungen für den hier untersuchten Einwand scheinen daher bei näherer Betrachtung für sein Zutreffen keine sichere Grundlage zu bieten. Ich möchte damit die Untersuchung möglicher Einwände bewenden lassen und mich den entscheidenden Fragen zuwenden: 1) Berücksichtigen die bisherigen Ansätze, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen, die hier entwickelte These angemessen? 2) Wären alternative Lösungsansätze eher erfolgversprechend? 3) Können geeignete Lösungsansätze problemlos umgesetzt werden? Das wird mein Programm für die kommenden Blogposts sein.

Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VI (Verdrängung menschlicher Arbeitskraft)

Wie in Teil V skizziert, setzte mit der Industrialisierung eine Dynamik ein, die es schließlich ermöglichte, genügend Waren und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, um die Grundbedürfnisse aller Menschen zuverlässig befriedigen zu können. Auf dieser Grundlage konnte schließlich die Demokratie auch wirtschaftlich erfolgreich sein und sich – zumindest in weiten Teilen der Welt – als Regierungsform durchsetzen. Es wurde sogar möglich, Luxusgüter für jedermann erschwinglich zu machen. Um die dazu nötige Kaufkraft zu erwerben, sind die Menschen im Wesentlichen auf Erwerbsarbeit angewiesen. Das ist der Anreiz, den in Teil II beschriebenen Mechanismus aufrecht zu erhalten und Arbeit sogar als Gut an sich zu betrachten, das man besitzen kann.

Fortschritt bedeutet Arbeitsplätze – oder?

Warum aber ist es nicht gelungen, den technologischen Fortschritt – das heißt die verbesserten Werkzeuge und Maschinen – so zu nutzen, dass aufgrund des Mechanismus alle Menschen in den Besitz eines Arbeitsplatzes kommen, die danach suchen? Genau das ist doch bis heute das erklärte Ziel der Politik, egal von welcher Partei sie gerade bestimmt wird. Liegt es tatsächlich an mangelndem Fleiß und Einsatzwillen, fehlender Flexibilität, falschen Schwerpunkten in der Berufsausbildung oder überzogenem Anspruchsdenken der Menschen, die keine Arbeit haben? So wird es doch – ausgesprochen oder unausgesprochen – in der öffentlichen Debatte immer wieder suggeriert, leider auch durch meine Partei, die SPD, in der Verteidigung der Agenda 2010.
Sind wir alle selbst schuld an unserer Misere und jammern viel zu viel?

Abschied von der Vollbeschäftigung

Meiner Überzeugung nach nein! Sicher gibt es auch Menschen, die nicht die Tugenden der Arbeitsgesellschaft teilen. Aber meine These ist: Selbst wenn sich alle Menschen für die Bedürfnisse der Arbeitgeber ideal verhielten (Es stellt sich die Frage, ob das unter dem Blickwinkel eines menschlichen Zusammenlebens überhaupt vernünftig wäre! Siehe hierzu auch „Das Unbehagen an der Moderne“ von Charles Taylor), wäre es unter heutigen Bedingungen nicht möglich, genügend Nachfrage nach Erwerbsarbeit zu erzeugen, um damit allen Menschen eine gesicherte Grundlage für den Erwerb der Mittel zu verschaffen, die zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts notwendig sind.

Um diese These zu untermauern, möchte ich die oben dargestellte Dynamik der Industrialisierung noch näher betrachten. Diese Dynamik hat menschliche Arbeitskraft so viel effizienter einsetzbar gemacht, dass viele Produktionsprozesse von menschlicher Atbeitskraft unabhängig geworden sind. Man überlege sich zum Beispiel, wie viele Menschen heute nötig sind, um eine Autofabrik zu betreiben und wie viele das noch vor 20 Jahren waren.

Von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft

Das hat Folgen für die Art der Arbeitsplätze, die Arbeitnehmern in neuerer Zeit zur Verfügung stehen. Betrachtet man die klassischen Wirtschaftssektoren Urproduktion (Primärsektor), industrielle Produktion (Sekundärsektor) und Dienstleistungen (Tertiärsektor), dann zeigt sich in der zeitlichen Entwicklung, dass der Primär- und der Sekundärsektor in Bezug auf den Einsatz menschlicher Arbeitskraft ganz massiv an Bedeutung verloren haben. Dagegen ist der Tertiärsektor für die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft immer wichtiger geworden. Zur Beschreibung dieser Veränderung der  Arbeitswelt hat sich der Begriff „Dienstleistungsgesellschaft“ entwickelt, auf die wir uns zubewegen bzw. die wir bereits erreicht haben und die geänderte Anforderungen an die Menschen stellt. Allerdings hat es sich aus meiner Sicht gezeigt, dass der Tertiärsektor nicht genügend Nachfrage nach bezahlten Arbeitskräften erzeugen konnte, um die ausbleibende Nachfrage aus den beiden anderen Sektoren auszugleichen.

Erwerbsarbeit als Verteilungsmechanismus

Der Grund dafür wird meines Erachtens klar, wenn man sich noch einmal verdeutlicht, auf welche Weise Erwerbsarbeit ihre Funktion als Mechanismus zur gerechten Verteilung von Mitteln zur Bestreitung des Lebensunterhalts erfüllt. Das Geld, das als Einkommen denjenigen gezahlt wird, die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, muss als Gewinn aus dem Verkauf von Waren und der Erbringung von Dienstleistungen erwirtschaftet werden. Dazu ist es notwendig, dass Menschen für diese Waren und Dienstleistungen Geld ausgeben. Das hierzu nötige Geld erhalten die meisten Menschen wiederum als Einkommen aus Erwerbsarbeit, in geringerem Umfang als Zinsen aus Vermögen, dessen Verzehr oder aus sozialstaatlichen Transferleistungen. Wenn alles so funktioniert, wie gewünscht, ist Erwerbsarbeit also der Motor eines Kreislaufs, der einen Teil der erwirtschafteten Gewinne einer Volkswirtschaft in der Bevölkerung verteilt.

Der Hintergrund meiner These ist: Diesem Kreislauf werden die finanziellen Mittel entzogen, wenn im primären und sekundären Wirtschaftssektor weniger Erwerbsarbeit und dafür mehr Maschinenkraft eingesetzt wird. Das möchte ich gerne im nächsten Teil näher ausführen.

Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil V (Wohlstand durch Industrialisierung)

Nach dem, was ich bislang über den Mechanismus, den Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit sicherzustellen, gesagt habe, stehen die Strategie, die Kaufkraft der Menschen durch steigende Löhne zu erhöhen und die Strategie, mehr Produkte zu verkaufen, indem deren Preise kontrolliert werden, in einem Zusammenhang: Beide begrenzen sich gegenseitig. Höhere Löhne bewirken tendenziell höhere Produktionskosten und damit höhere Preise. Eine Senkung von Produktionskosten durch die Dämpfung von Lohnkosten schwächt die Kaufkraft der davon betroffenen Arbeitnehmer und bewirkt tendenziell, dass Erwerbsarbeit in ihrem Potential, den Lebensunterhalt der Menschen sicherzustellen, geschwächt wird. Aber warum ist es denn überhaupt notwendig, die Kaufkraft zu erhöhen oder Gewinne zu erhöhen, indem man mehr Produkte verkauft? Kurz: Warum muss alles immer mehr werden? Warum muss die Wirtschaft wachsen?

Ein idealer Lohn?

Rein theoretisch könnten doch die beiden sich gegenseitig begrenzenden Strategien zu einem Ergebnis führen, das für alle zufriedenstellend ist: Erwerbsarbeit wird zu einem Lohn ausgeübt, der den Menschen genügend Kaufkraft verschafft, um ihren Lebensunterhalt angemessen bestreiten zu können und gleichzeitig die Erwerbsarbeit für den Arbeitgeber hinreichend rentabel macht, um weiterhin ein Interesse daran zu haben, Tätigkeiten von anderen ausüben zu lassen. Diesen idealen Lohn müsste man nur finden und für alle Zeiten festschreiben.

Knappheit der Güter und Unendlichkeit der Bedürfnisse

Der Grund, warum trotzdem so gut wie alle relevanten politischen Kräfte auf eine wachsende Wirtschaft setzen, um damit den Menschen den Erwerb der Mittel zur Sicherung ihres Lebensunterhalts zu ermöglichen, ist die allgemein angenommene Knappheit der Güter, die einer potentiellen Unendlichkeit der Bedürfnisse gegenübersteht. Angesichts von stetig mehr als drei Millionen Menschen, die keine Erwerbsarbeit ausüben können, obwohl sie das möchten, kann man dieser Annahme ja auch wenig entgegensetzen. Darüber, ob dieses Wachstumsdiktat ewig so weiter gehen kann, und ob es irgendwann einmal möglich sein wird, die Bedürfnisse der Menschen auch ohne ein zwingendes Wachstum der Wirtschaft angemessen zu befriedigen, muss noch gesondert nachgedacht werden. Interessant im Zusammenhang mit dem Problem der Arbeitslosigkeit ist das Mittel, mit dem dieses Wachstum hauptsächlich erreicht werden soll: Die stetige Verbesserung von Werkzeugen und Arbeitsabläufen.

Bedrängte Situation der Menschen

Lange Zeit waren die Menschen nicht in der Lage, die Grundbedürfnisse aller zuverlässig zu befriedigen. Vor Beginn der Industrialisierung waren die Menschen im Wesentlichen auf ihre Körperkraft und auf die Kräfte angewiesen, die sie in der Natur täglich vorgefunden haben: Feuer, Wasser, Wind, Nutztiere, Fruchtbarkeit des Bodens, etc. Auf dieser Grundlage konnten alle Güter hergestellt werden, die benötigt wurden, um den Menschen Nahrung, Schutz gegen Naturgewalten und einen öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen.

Die Menge der Güter, die so hergestellt werden konnten, reichte allerdings bei weitem nicht aus, um allen Menschen zugute kommen zu können. Hungersnöte waren eine ständige allgemeine Bedrohung und andere politische Machtverhältnisse, als die damals geltenden, die für viele Menschen karge Lebensbedingungen zur Folge hatten, um wenigen eine gute Versorgung zu sichern, wären kaum möglich erschienen.

Siegeszug der Industrialisierung

Die allgemeinen Lebensbedingungen konnten sich erst verbessern, als es gelang, durch die Nutzung fossiler Energieträger ungleich kraftvollere Maschinen und Werkzeuge zu bauen, als sie bislang denkbar gewesen wären und als durch Arbeitsteilung die Produktion von Gütern vom menschlichen Lebensrhythmus unabhängig gemacht werden konnte (brilliant wird dies beschrieben in „Vita aktiva“ von Hannah Arendt). Menschliche Arbeitskraft konnte auf diese Weise sehr viel effektiver eingesetzt werden als zuvor und in der gleichen Zeit mehr Güter produzieren. Für diese Güter gab es allgemein einen großen Bedarf und durch eine sich stetig entwickelnde Orgaisation der Arbeiter untereinander konnten steigende Löhne erstritten werden, wodurch die allgemeine Kaufkraft erhöht wurde. Dadurch gab es für die mehr hergestellten Güter auch eine Nachfrage. Der in Teil III skizzierte Effekt führte dazu, dass der Mechanismus der Erwerbsarbeit funktionierte.

Muss man also lediglich die Anstrengungen erhöhen, Maschinen und Werkzeuge zu verbessern, um diesen Effekt auch weiterhin am Laufen zu halten und so das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen? Oder hat auch diese Strategie ihre Grenzen? Damit werde ich mich in Teil VI befassen.