Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIX (Erweiterung des Blickwinkels)

Nachdem ich in einigen aus meiner Sicht grundlegenden Punkten meine Spekulation darüber dargelegt habe, wie sich die äußeren Bedingungen für unser Wirtschafts- und Sozialsystem in der Zukunft weiter entwickeln werden, soll es nun darauf ankommen herauszufinden, wie ein künftiges Wirtschafts- und Sozialsystem aussehen muss, soll es unter diesen Bedingungen sozial gerecht und dem Allgemeinwohl verpflichtet genannt werden können. Dazu werde ich auf die Merkmale zurückgreifen, die ich in Teil XXIII zusammengefasst habe.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVIII (Künftige politische und Ökonomische Entwicklung)

Neben der in Teil XXVII beschriebenen Verschiebung der Gewichte im Erscheinungsbild menschlicher Tätigkeit durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen in der Produktion von Waren und der Erbringung von Dienstleistungen erwarte ich noch einige andere umwälzende Entwicklungen, die mit der Veränderung unserer Tätigkeitsstruktur einhergehen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil V (Wohlstand durch Industrialisierung)

Nach dem, was ich bislang über den Mechanismus, den Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit sicherzustellen, gesagt habe, stehen die Strategie, die Kaufkraft der Menschen durch steigende Löhne zu erhöhen und die Strategie, mehr Produkte zu verkaufen, indem deren Preise kontrolliert werden, in einem Zusammenhang: Beide begrenzen sich gegenseitig. Höhere Löhne bewirken tendenziell höhere Produktionskosten und damit höhere Preise. Eine Senkung von Produktionskosten durch die Dämpfung von Lohnkosten schwächt die Kaufkraft der davon betroffenen Arbeitnehmer und bewirkt tendenziell, dass Erwerbsarbeit in ihrem Potential, den Lebensunterhalt der Menschen sicherzustellen, geschwächt wird. Aber warum ist es denn überhaupt notwendig, die Kaufkraft zu erhöhen oder Gewinne zu erhöhen, indem man mehr Produkte verkauft? Kurz: Warum muss alles immer mehr werden? Warum muss die Wirtschaft wachsen?

Ein idealer Lohn?

Rein theoretisch könnten doch die beiden sich gegenseitig begrenzenden Strategien zu einem Ergebnis führen, das für alle zufriedenstellend ist: Erwerbsarbeit wird zu einem Lohn ausgeübt, der den Menschen genügend Kaufkraft verschafft, um ihren Lebensunterhalt angemessen bestreiten zu können und gleichzeitig die Erwerbsarbeit für den Arbeitgeber hinreichend rentabel macht, um weiterhin ein Interesse daran zu haben, Tätigkeiten von anderen ausüben zu lassen. Diesen idealen Lohn müsste man nur finden und für alle Zeiten festschreiben.

Knappheit der Güter und Unendlichkeit der Bedürfnisse

Der Grund, warum trotzdem so gut wie alle relevanten politischen Kräfte auf eine wachsende Wirtschaft setzen, um damit den Menschen den Erwerb der Mittel zur Sicherung ihres Lebensunterhalts zu ermöglichen, ist die allgemein angenommene Knappheit der Güter, die einer potentiellen Unendlichkeit der Bedürfnisse gegenübersteht. Angesichts von stetig mehr als drei Millionen Menschen, die keine Erwerbsarbeit ausüben können, obwohl sie das möchten, kann man dieser Annahme ja auch wenig entgegensetzen. Darüber, ob dieses Wachstumsdiktat ewig so weiter gehen kann, und ob es irgendwann einmal möglich sein wird, die Bedürfnisse der Menschen auch ohne ein zwingendes Wachstum der Wirtschaft angemessen zu befriedigen, muss noch gesondert nachgedacht werden. Interessant im Zusammenhang mit dem Problem der Arbeitslosigkeit ist das Mittel, mit dem dieses Wachstum hauptsächlich erreicht werden soll: Die stetige Verbesserung von Werkzeugen und Arbeitsabläufen.

Bedrängte Situation der Menschen

Lange Zeit waren die Menschen nicht in der Lage, die Grundbedürfnisse aller zuverlässig zu befriedigen. Vor Beginn der Industrialisierung waren die Menschen im Wesentlichen auf ihre Körperkraft und auf die Kräfte angewiesen, die sie in der Natur täglich vorgefunden haben: Feuer, Wasser, Wind, Nutztiere, Fruchtbarkeit des Bodens, etc. Auf dieser Grundlage konnten alle Güter hergestellt werden, die benötigt wurden, um den Menschen Nahrung, Schutz gegen Naturgewalten und einen öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen.

Die Menge der Güter, die so hergestellt werden konnten, reichte allerdings bei weitem nicht aus, um allen Menschen zugute kommen zu können. Hungersnöte waren eine ständige allgemeine Bedrohung und andere politische Machtverhältnisse, als die damals geltenden, die für viele Menschen karge Lebensbedingungen zur Folge hatten, um wenigen eine gute Versorgung zu sichern, wären kaum möglich erschienen.

Siegeszug der Industrialisierung

Die allgemeinen Lebensbedingungen konnten sich erst verbessern, als es gelang, durch die Nutzung fossiler Energieträger ungleich kraftvollere Maschinen und Werkzeuge zu bauen, als sie bislang denkbar gewesen wären und als durch Arbeitsteilung die Produktion von Gütern vom menschlichen Lebensrhythmus unabhängig gemacht werden konnte (brilliant wird dies beschrieben in „Vita aktiva“ von Hannah Arendt). Menschliche Arbeitskraft konnte auf diese Weise sehr viel effektiver eingesetzt werden als zuvor und in der gleichen Zeit mehr Güter produzieren. Für diese Güter gab es allgemein einen großen Bedarf und durch eine sich stetig entwickelnde Orgaisation der Arbeiter untereinander konnten steigende Löhne erstritten werden, wodurch die allgemeine Kaufkraft erhöht wurde. Dadurch gab es für die mehr hergestellten Güter auch eine Nachfrage. Der in Teil III skizzierte Effekt führte dazu, dass der Mechanismus der Erwerbsarbeit funktionierte.

Muss man also lediglich die Anstrengungen erhöhen, Maschinen und Werkzeuge zu verbessern, um diesen Effekt auch weiterhin am Laufen zu halten und so das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen? Oder hat auch diese Strategie ihre Grenzen? Damit werde ich mich in Teil VI befassen.

Das Wohl der am wenigsten Begünstigten

Das Wohl aller fördern, indem jeder seine wohlverstandenen Interessen verfolgt (vgl. Eine gerechte Grundstruktur der Gesellschft)? Das bedarf einer Konkretisierung.

Was Rawls in meinen Augen auch für Sozialdemokraten interessant macht, ist seine Forderung, dass wirklich alle von den gesellschaftlichen Anstrengungen profitieren. Niemandem soll entgegengehalten werden können, dass er seine schlechte Position hinzunehmen habe, da dies insgesamt ein größeres Wohl hervorbringe. Im Gegenteil fordert er, dass gesellschaftliche Entwicklung sehr stark die Position gerade der am wenigsten Begünstigten verbessert.

Ich finde, das ist genau der Punkt: Letztlich behaupten doch alle relevanten politischen Parteien, mit ihrem Konzept könne man am wirkungsvollsten das Wohl der Menschen fördern. Die Merkmale, anhand derer der Erfolg aller Bemühungen gemessen wird, lassen das Wohl der Menschen aber allzu oft außer Betracht. Da geht es um abstrakte Daten, wie Wirtschaftswachstum oder Arbeitslosenzahlen. Das sind auch wichtige Indikatoren. Wir sollten aber immer im Blick behalten, ob gerade diejenigen, denen es am schlechtesten geht, die begründete Hoffnung haben können, dass es ihnen in Zukunft besser geht.

Das sollte der Indikator für Sozialdemokraten sein.