Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VI (Verdrängung menschlicher Arbeitskraft)

Wie in Teil V skizziert, setzte mit der Industrialisierung eine Dynamik ein, die es schließlich ermöglichte, genügend Waren und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, um die Grundbedürfnisse aller Menschen zuverlässig befriedigen zu können. Auf dieser Grundlage konnte schließlich die Demokratie auch wirtschaftlich erfolgreich sein und sich – zumindest in weiten Teilen der Welt – als Regierungsform durchsetzen. Es wurde sogar möglich, Luxusgüter für jedermann erschwinglich zu machen. Um die dazu nötige Kaufkraft zu erwerben, sind die Menschen im Wesentlichen auf Erwerbsarbeit angewiesen. Das ist der Anreiz, den in Teil II beschriebenen Mechanismus aufrecht zu erhalten und Arbeit sogar als Gut an sich zu betrachten, das man besitzen kann.

Fortschritt bedeutet Arbeitsplätze – oder?

Warum aber ist es nicht gelungen, den technologischen Fortschritt – das heißt die verbesserten Werkzeuge und Maschinen – so zu nutzen, dass aufgrund des Mechanismus alle Menschen in den Besitz eines Arbeitsplatzes kommen, die danach suchen? Genau das ist doch bis heute das erklärte Ziel der Politik, egal von welcher Partei sie gerade bestimmt wird. Liegt es tatsächlich an mangelndem Fleiß und Einsatzwillen, fehlender Flexibilität, falschen Schwerpunkten in der Berufsausbildung oder überzogenem Anspruchsdenken der Menschen, die keine Arbeit haben? So wird es doch – ausgesprochen oder unausgesprochen – in der öffentlichen Debatte immer wieder suggeriert, leider auch durch meine Partei, die SPD, in der Verteidigung der Agenda 2010.
Sind wir alle selbst schuld an unserer Misere und jammern viel zu viel?

Abschied von der Vollbeschäftigung

Meiner Überzeugung nach nein! Sicher gibt es auch Menschen, die nicht die Tugenden der Arbeitsgesellschaft teilen. Aber meine These ist: Selbst wenn sich alle Menschen für die Bedürfnisse der Arbeitgeber ideal verhielten (Es stellt sich die Frage, ob das unter dem Blickwinkel eines menschlichen Zusammenlebens überhaupt vernünftig wäre! Siehe hierzu auch „Das Unbehagen an der Moderne“ von Charles Taylor), wäre es unter heutigen Bedingungen nicht möglich, genügend Nachfrage nach Erwerbsarbeit zu erzeugen, um damit allen Menschen eine gesicherte Grundlage für den Erwerb der Mittel zu verschaffen, die zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts notwendig sind.

Um diese These zu untermauern, möchte ich die oben dargestellte Dynamik der Industrialisierung noch näher betrachten. Diese Dynamik hat menschliche Arbeitskraft so viel effizienter einsetzbar gemacht, dass viele Produktionsprozesse von menschlicher Atbeitskraft unabhängig geworden sind. Man überlege sich zum Beispiel, wie viele Menschen heute nötig sind, um eine Autofabrik zu betreiben und wie viele das noch vor 20 Jahren waren.

Von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft

Das hat Folgen für die Art der Arbeitsplätze, die Arbeitnehmern in neuerer Zeit zur Verfügung stehen. Betrachtet man die klassischen Wirtschaftssektoren Urproduktion (Primärsektor), industrielle Produktion (Sekundärsektor) und Dienstleistungen (Tertiärsektor), dann zeigt sich in der zeitlichen Entwicklung, dass der Primär- und der Sekundärsektor in Bezug auf den Einsatz menschlicher Arbeitskraft ganz massiv an Bedeutung verloren haben. Dagegen ist der Tertiärsektor für die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft immer wichtiger geworden. Zur Beschreibung dieser Veränderung der  Arbeitswelt hat sich der Begriff „Dienstleistungsgesellschaft“ entwickelt, auf die wir uns zubewegen bzw. die wir bereits erreicht haben und die geänderte Anforderungen an die Menschen stellt. Allerdings hat es sich aus meiner Sicht gezeigt, dass der Tertiärsektor nicht genügend Nachfrage nach bezahlten Arbeitskräften erzeugen konnte, um die ausbleibende Nachfrage aus den beiden anderen Sektoren auszugleichen.

Erwerbsarbeit als Verteilungsmechanismus

Der Grund dafür wird meines Erachtens klar, wenn man sich noch einmal verdeutlicht, auf welche Weise Erwerbsarbeit ihre Funktion als Mechanismus zur gerechten Verteilung von Mitteln zur Bestreitung des Lebensunterhalts erfüllt. Das Geld, das als Einkommen denjenigen gezahlt wird, die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, muss als Gewinn aus dem Verkauf von Waren und der Erbringung von Dienstleistungen erwirtschaftet werden. Dazu ist es notwendig, dass Menschen für diese Waren und Dienstleistungen Geld ausgeben. Das hierzu nötige Geld erhalten die meisten Menschen wiederum als Einkommen aus Erwerbsarbeit, in geringerem Umfang als Zinsen aus Vermögen, dessen Verzehr oder aus sozialstaatlichen Transferleistungen. Wenn alles so funktioniert, wie gewünscht, ist Erwerbsarbeit also der Motor eines Kreislaufs, der einen Teil der erwirtschafteten Gewinne einer Volkswirtschaft in der Bevölkerung verteilt.

Der Hintergrund meiner These ist: Diesem Kreislauf werden die finanziellen Mittel entzogen, wenn im primären und sekundären Wirtschaftssektor weniger Erwerbsarbeit und dafür mehr Maschinenkraft eingesetzt wird. Das möchte ich gerne im nächsten Teil näher ausführen.