Die Ergebnisse für die AfD: Symptom für einen Trauerprozess?

Gedanken an einem denkwürdigen Wahlabend, inspiriert von dem Artikel „Wie ich auszog, die AfD zu verstehen“ von Malte Henk,  erschienen in der Zeit.

Als ich heute Nachmittag auf den Beginn der Wahlberichterstattung zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt gewartet habe, ist mir der Beitrag von Malte Henk aufgefallen. Er beschreibt dort einen interessanten Selbstversuch, mit dessen Hilfe er zu verstehen versucht, warum die AfD derzeit eine so hohe Zusimmung erhält: Mit Hilfe eines erfundenen Profils auf Facebook gab sich Henk als ein AfD-nahes alter ego aus und kam so in Kontakt mit anderen Sympathisanten der Partei.

 

Eine der Erfahrungen, die er dabei machte, war die einer merkwürdigen Diskrepanz. Die AfD ist auf der einen Seite eine Partei, die mit mehr als kruden Vorstößen aufgefallen ist, etwa auf unbewaffnete Flüchtlinge zu schießen, oder der Forderung nach weniger Mitgefühl mit den Menschen, die hier Schutz suchen. Auf der anderen Seite sind viele Menschen, die diese Partei unterstützen, und wählen, im privaten Gespräch sehr viel differenzierter. Was viele dieser Menschen verbindet, ist der Wunsch nach einer Welt, wie sie die CDU in den Zeiten vor der Wiedervereinigung Deutschlands ganz selbstverständlich propagiert hat: Übersichtliche Verhältnisse in einem Deutschland, das zwar damals bereits Teil einer Europäischen Gemeinschaft und der NATO gewesen ist, das aber klare Grenzen gegenüber seinen Nachbarländern hatte (Italien war bereits eine andere Welt; Libanon oder Palästina, Afghanistan gar, schienen auf fremden Planeten zu liegen) und das für Menschen, die nicht bereits durch ihre Geburt Deutsche waren, hohe Hürden für die Zugehörigkeit aufgestellt hatte. All das stand für ein Leben, das den Einzelnen je nach Herkunft oder Geschlecht klare Lebenswege und klare Rollen zuwies.

Die Welt auch meiner Kindheit

Es war die Welt, die auch ich als Kind und Jugendlicher noch kennengelernt habe. Alles war eng, meist wenig ereignisreich und bot vielen nur sehr begrenzte Möglichkeiten. Diese Welt versprach aber auch eine gewisse Sicherheit, denn irgendwie fanden alle ihren Platz. Diese Sicherheit der „guten alten Zeit“ in der alten Bundesrepublik ist jedoch heute nicht mehr da und der Vorwurf vieler AfD-Sympathisanten ist, dass Merkel, die „Gutmenschen“ und ihre „linksgrüne Gesinnungsdiktatur“ daran schuld seien. Folglich müsse man nur zu den alten Überzeugungen zurückkehren und schon seien alle Probleme gelöst.

Nur eine Strömung – aber wichtig für das Verständnis

Selbstverständlich ist diese Strömung innerhalb der Gruppe der Anhänger der AfD nur eine unter mehreren, eine der harmloseren noch dazu. Gleichwohl halte ich die Annahme von Malte Henk für stichhaltig, dass diese Strömung innerhalb der AfD einiges Gewicht hat und dass die Motive derer, die sie bilden, auch den Erfolg der gesamten AfD verstehen helfen. Spontan habe ich mir daher die Frage gestellt, warum intelligente Menschen, die ja unter den Sympathisanten der AfD durchaus zu finden sind, ernsthaft glauben können, es sei möglich, oder gar sinnvoll, die Welt in einen Zustand zurück zu versetzen, wie er vor dreißig oder vierzig Jahren bestanden hat.

Was soll es zum Beispiel bringen, zu den alten nationalstaatlichen Grenzen zurückzukehren, wenn die wirtschaftlichen Beziehungen längst weltweit ausgerichtet sind? Gerade die deutsche Wirtschaft ist doch auf die Einfuhr von Rohstoffen und den Export von Waren, sprich auf internationale Handelsbeziehungen dringend angewiesen. Welchem einzelnen Nationalstaat soll es denn angesichts weltweit operierender Konzerne gelingen, für wirtschaftliches Handeln noch einen verlässlichen Ordnungsrahmen zu schaffen oder den Folgen von Umweltbelastungen, wie etwa dem Klimawandel zu begegnen? Wer könnte angesichts der rasanten Erweiterung der Möglichkeiten zur weltweiten Kommunikation aufgrund des digitalen Fortschritts noch ernsthaft behaupten, Ereignisse auf dieser Welt beträfen uns nicht, weil sie außerhalb der eigenen nationalstaatlichen Grenzen geschehen? Wie kann man bei klarem Verstand glauben, die Herausforderung, den Menschen zu helfen, die auf der Flucht sind, ließe sich bewältigen, indem die europäischen Staaten ihre Grenzen abriegeln?

Die alten Gewissheiten gelten nicht mehr

All diese Fragen führen meines Erachtens zu einer logischen Schlussfolgerung: Der Nationalstaat, wie wir ihn kennengelernt haben, kann nicht die Lösung für unsere Probleme sein. Nationalstaatliches Denken ist im Gegenteil mittlerweile eher Teil des Problems. Die Wahrheit ist, eine Welt, wie die der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts kann und wird es nicht mehr geben und die Gewissheiten, dieser Zeit gelten in Zeiten der Digitalisierung nicht mehr. Das mag einigen als ein Verlust erscheinen, ist aber das Ergebnis einer Entwicklung, die nicht umkehrbar ist.

Sympathie für die AfD als Reaktion auf den Verlust?

Wenn es aber so ist, dass das Handeln und der Erfolg der AfD auf einem Gefühl des Verlusts bei einigen Menschen beruht, dann ist doch nicht allzu weit hergeholt, die Haltung der Sympathisanten der AfD als Teil eines Trauerprozesses zu begreifen und auf diese Weise zu verstehen, ohne sich diese Haltung zu Eigen zu machen. In der Wissenschaft wird unter anderem auch Trauer als ein Prozess gesehen, der in vier Phasen unterteilt ist (so von der Psychologin Verena Kast): Nicht-Wahrhaben-Wollen (I), eine Phase aufbrechender Emotionen (II), eine Phase des Suchens, Findens und Sich-Trennens (III) und schließlich die Phase eines neuen Selbst- und Weltbezuges (IV).

Die Haltung vieler Anhänger der AfD ließe sich wohl am ehesten in die erste oder zweite Phase einordnen, die entweder durch die Verdrängung der Realität des Verlusts oder aber durch Ausbrüche von Wut, Zorn oder Angstgefühlen geprägt ist und in der auch vermeintlich Schuldige für den erlittenen Verlust gesucht werden. Die Funktion der AfD wäre in diesem Fall, die Realitätsverdrängung, beziehungsweise die aggressiven Gefühle, die ihre Anhänger angesichts des von Ihnen so empfundenen Verlusts der alten politischen Überzeugungen und Strukturen empfinden, zu kanalisieren. Wenn die AfD dabei eine konstruktive Rolle einnehmen wollte, müsste sie es diesen Menschen ermöglichen, sich immer wieder der Wirklichkeit zu stellen, um schließlich zu akzeptieren, dass sich die Zeiten unwiederbringlich geändert haben. Letztlich wird es nämlich für die Anhänger einer dezidiert konservativen politischen Richtung unerlässlich sein, die Realität zu akzeptieren, um sich auf die neuen Verhältnisse einlassen zu können und unter den veränderten Bedingungen die eigene, konservative Haltung zu erneuern. 

Was daraus für den Umgang mit Sympathisanten der AfD folgt

Wenn das, was ich mir hier zusammenreime, tatsächlich so zuträfe, sollte man den Anhängern der AfD mit einem gewissen Verständnis für ihre Situation begegnen, sollte jedoch deutlich machen, dass ihre politischen Forderungen in der heutigen Zeit keine reale Grundlage mehr haben, weil sich die Wirklichkeit schlicht und ergreifend verändert hat. Auf die Vernunft der AfD selbst sollte man dabei allerdings nicht vertrauen.

Selbstverständlich wird es auch entscheidend sein, den untauglichen politischen Rezepten der AfD eine Politik entgegenzusetzen, die von den realen Verhältnissen ausgeht und auf dieser Basis Lösungen für die Probleme unserer Zeit erarbeitet. All das wird noch schwierig werden und einige Geduld kosten. Allerdings sehe ich keine bessere Möglichkeit. Die etablierten Parteien sind hier in der Verantwortung, Schritt für Schritt weiter zu gehen. Wir sollten der Verantwortung gerecht werden.

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book "Das Problem der Arbeitslosigkeit". Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

3 Gedanken zu „Die Ergebnisse für die AfD: Symptom für einen Trauerprozess?“

  1. Sehr geehrter Herr Reis, welch inspirierter und reflektierte Beitrag. Ich glaube, dass die Motive derer, die sich mit der AfD und deren Programm identifizieren nicht in einem Artikel zu ergründen sind. Ich sehe die Angst vor Veränderung (und damit Verlust des derzeitigen Wohlstandes ) einerseits sowie die Chance, aktiv politisch mitzuwirken andererseits als wesentliche Motivatoren hierfür an. Die AfD selbst ist in sich nicht gefestigt, weder programmatisch noch personell. Ein Indiz hierfür ist, dass die vorderste Reihe die Ausrichtung der gesamten Partei derart schnell beeinflussen kann. Gleiches wäre in den etablierten Parteien m. E. ein Prozess mehrerer Jahre mit einem weniger signifikanten Ergebnis. Des weiteren hat das Tempo gesellschaftlicher Veränderungen in den letzten Jahren – nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Globalisierung und der daraus resultierenden Effekte – enorm an Kraft gewonnen. Dies überfordert und verängstigt all jene, die hier nicht mithalten, ja sogar abgehängt werden. Schließlich gießen die etablierten Parteien durch offene Klientelpolitik auf Basis einer beinahe plump wirkenden Politökonomie mächtig Öl in das Feuer.
    Meiner persönlichen Empfindung nach lassen sich jedoch die bis hierher dargestellten und mit Sicherheit verkürzt dargestellten Aspekte auf einen grundlegenden Nenner zurückführen : es ist die ungleiche Verteilung von Wohlstand, die viele Konflikte verursacht. Nicht zuletzt deshalb, weil Wenige für deren Tun überproportional viel bekommen während die Mehrheit der Bevölkerung für ein zwar ausreichendes aber als unzureichend empfundenes Wohlstandsniveau sehr viel mehr leisten müssen.

    1. Vielen Dank für Ihren Beitrag! Sie sprechen noch einmal sehr wichtige Aspekte an. Insbesondere die Wohlstandsverteilung spielt bei dem Erstarken extremer Kräfte ganz gewiss eine Rolle.

      Wobei ich der Meinung bin, dass der Blick auch hier auf die globalen Verhältnisse gerichtet sein muss. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gruppierungen, wie Al-Qaida oder Daesh nicht den Zulauf wie die vergangenen Jahrzehnte hätten, wenn die Menschen in deren Hauptrekrutierungsgebieten eine verlässliche ökonomische Perspektive hätten.

      Das wird aufgrund des hohen Grads an weltweiter Vernetzung, der die Wirtschaft mittlerweile prägt, eine enorm wichtige Aufgabe auch für die Industriegesellschaften. Leider wird nur der zur Zeit grassierende Nationalismus, wie er auch von der AfD vertreten wird, dazu überhaupt nichts konstruktives beitragen können.

      So verständlich der Wunsch vieler Menschen ist, angesichts ihrer Sorgen und ihrer Überforderung mit der zunehmenden Komplexität der Welt einfache Lösungsansätze präsentiert zu bekommen, so gefährlich ist es auch, eben diese Komplexität einfach auszublenden. Aus meiner Sicht ist es deshalb allemal lohnender, sich die Zeit zu nehmen, in den etablierten Parteien mitzumachen, als sich in mehr als dubiosen Organisationen, wie der AfD vor den Karren einer kleinen Gruppe von Wirrköpfen spannen zu lassen .

      Sicherlich ist es mühselig, oft auch frustrierend zu sehen, wie die eigenen Ideen und Ideale in der Debatte innerhalb einer Partei mit den Vorstellungen anderer kollidieren. Natürlich ist man ganz oft mit dem gewählten Personal in der eigenen Partei so garnicht einverstanden. Es ist aber nunmal das, was die Politik in Deutschland seit Ende des zweiten Weltkriegs prägt.

      Wer die Parteien verändern will, muss in sie eintreten und sich engagieren. Immer weitere neue Parteien zu gründen, wird am Ende nur zu einer Zersplitterung der politischen Landschaft führen, die niemandem hilft, außer Demagogen, die eher manipulieren, als überzeugen wollen.

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