Mein europäisches Versprechen: Zurück zu den Ursprüngen, für alle Menschen, überall

Als ich von der Blogparade „Mein europäisches Versprechen“ erfahren habe, die Johannes Korten gemeinsam mit Jochen Gerz initiiert hat, war ich gleich interessiert. Mit der Idee eines friedlich geeinten Europa kann ich mich sehr gut identifizieren. Ich bin überzeugter Europäer und nach den Anschlägen in Paris war es mein Bedürfnis, diese Überzeugung – jetzt erst recht! – öffentlich zu bekunden. Als ich dann aber begonnen habe, meinen Beitrag zur Blogparade zu verfassen, bin ich schnell ins Stocken geraten. Nicht etwa, weil meine Überzeugung für Europa oder meine Sympathie für die Menschen in Frankreich nachgelassen hätten, sondern weil ich Schwierigkeiten hatte, meine Gedanken zu Europa in eine einzelne Aussage zu komprimieren, noch dazu in eine Aussage, die eine verbindliche Zusage an Europa enthält.

An wen richtet sich das Versprechen?

Die erste Frage, die ich mir stelle: Wer ist denn eigentlich dieses Europa, dem ich etwas versprechen möchte? Sind das nun Herr Juncker und Herr Schulz als Repräsentanten der europäischen Institutionen? Was könnte ich diesen beiden, was den europäischen Institutionen versprechen? Auch bei der nächsten Europawahl mein Kreuzchen auf dem Wahlzettel zu machen? – Zumindest kein ganz sinnloses Versprechen, aber für den Anlass dieser Blogparade doch etwas unscheinbar. In der deutschen Politik die Kräfte zu unterstützen, die dafür sind, die Vergemeinschaftung weiter voranzutreiben? – Hier stellt sich die Frage, wie diese fortschreitende Vergemeinschaftung konkret aussähe und ob die neuen Strukturen auch tatsächlich besser wären, als die alten. Oder wären Juncker und Schulz überhaupt die richtigen Adressaten für mein Versprechen? Es fällt mir schwer, dem europäischen Gedanken ein Gesicht zu geben, eine Individualität, die es mir ermöglicht, ihr zu sagen, „klar, werde ich auf jeden Fall tun, versprochen!“

Was kann ich versprechen?

Abgesehen von der Frage des „Wem?“ bleibt die Frage des „Was?“ Welchen Inhalt könnte mein Versprechen haben? Sollte dieses Versprechen groß, erhaben und feierlich sein, dabei aber Gefahr laufen in der Konfrontation mit den Zwängen und notwendigen Kompromissen des Alltags zu verblassen und zerrieben zu werden? Sollte es sich eher auf konkrete Probleme beziehen, praxisnah und realistisch und dabei riskieren, den Sinn, der dem europäischen Gedanken zugrunde liegt im Kleinklein zu verlieren? Wäre am Ende mein Versprechen überhaupt gut für Europa oder würde ich Europa etwas aufzwingen, das es eigentlich gar nicht möchte? Wer entscheidet überhaupt, was für Europa gut ist? Mir scheint, ich bin durch die Fragestellung überfordert.

Das ursprüngliche Versprechen

Vielleicht hilft ein Blick zurück. Das vereinte Europa ist die Reaktion der Überlebenden zweier verheerender Weltkriege mit Millionen von Toten und monströsen Menschheitsverbrechen, die als ein zentrales Element die erbitterte Feindschaft zwischen benachbarten Völkern mitten in Europa hatten, allen voran Deutschland und Frankreich. Es ist ein Verdienst des europäischen Gedankens, der überhaupt nicht hoch genug bewertet werden kann, dass diese Völker nach allem, was sie sich in den Jahrhunderten vorher angetan hatten, heute zu Freunden geworden sind. Am Anfang dieser wunderbaren Wendung der Geschichte steht in der Tat ein Versprechen, jedoch keines, das einzelne Personen oder einzelne Gruppen an Europa gegeben hätten, sondern eines, das sich die Menschen in Europa – zumindest die meisten von ihnen – gegenseitig gegeben haben: „Wir wollen uns nie wieder durch den Hass zu Feinden machen lassen!“

Die heutigen Probleme

Heute, siebzig Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs, stehen die Menschen in Europa einmal mehr vor schwerwiegenden Entscheidungen. Glücklicherweise ist die Dimension der Probleme – noch – eine andere, als nach dem zweiten Weltkrieg. Weniger komplex sind die Fragen deswegen jedoch nicht. Da ist zum Einen ein Europa, das nach dem Ende der Spaltung durch den eisernen Vorhang sehr viel größer geworden ist und nun die Frage zu beantworten hat, wie es nach jahrzehntelanger getrennter Entwicklung gelingt, für alle seine Bürger vergleichbare Lebensbedingungen zu schaffen. Zum anderen ist der Frieden in Europa erneut von blindwütigem Hass bedroht, hervorgerufen durch Entwicklungen außerhalb von Europa, an denen die Europäer gleichwohl maßgeblichen Anteil haben. Vor dieser Erkenntnis, die sie gerade in diesem Jahr sehr schmerzhaft machen mussten, haben die Europäer zu lange die Augen verschlossen und reagieren nun möglicherweise falsch darauf. Ein rein europäisches Versprechen wäre mittlerweile zu kurz gedacht.

Europäisch ist schon zu kurz gedacht

Es ist sehr wohl an der Zeit für eine Erneuerung des europäischen Versprechens: “ Wir wollen uns durch den Hass nicht zu Feinden machen lassen!“ Nur muss das Versprechen dieses mal über die Grenzen Europas weit hinausgehen. Es muss dieses mal das gegenseitige Versprechen aller Menschen weltweit sein, die guten Willens sind. Dazu gehört, alle Menschen als Gleiche anzuerkennen, egal wo sie leben. Es gehört dazu, die Folgen eigener Handlungen als Folgen anzuerkennen, die überall auf der Welt wirksam werden können. Es bedeutet, das Wohl der Menschen als ein globales Ziel zu verfolgen, weil nur diese Sichtweise dem Grad der Vernetzung gerecht wird, den die Menschen im digitalen Zeitalter erreicht haben und der ohne katastrophale Auswirkungen auf jeden Einzelnen nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Doch noch ein feierliches Versprechen

Das Versprechen der Menschen untereinander, das mir vorschwebt, wird also doch noch ein ziemlich feierliches. Es wird wichtig sein, sich das Gefühl dafür zu bewahren, wenn es dran geht, dieses Versprechen durch viele pragmatische Einzelmaßnahmen umzusetzen. Letztlich wird es aber wohl die einzige Chance der Menschheit sein, sich eine einigermaßen lebenswerte Welt zu erhalten. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft auf diesem seltsamen blauen Planeten, von dem Europa nur ein Teil ist. Einem solchen Versprechen möchte ich mich mich gerne anschließen.

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book „Das Problem der Arbeitslosigkeit“. Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

3 thoughts on “Mein europäisches Versprechen: Zurück zu den Ursprüngen, für alle Menschen, überall”

  1. Das hört sich gut an. Wie lässt sich das aber für die Verkäuferin, für den Mechaniker, für den Lehrer oder Rentner einfach umsetzen? Die sehen in vielen Fällen nur die Menschen in ihrer nächsten Nachbarschaft, die kennen sie. Alle Unbekannten sind unbekannt. Sie sind nicht immer zu verstehen, nicht immer verständlich und machen manchmal Angst. In einer Welt, in der es so aussieht, als ob jeder für sich alleine leben kann und nicht mehr auf seine Mitmenschen angewiesen ist, scheint das Verständnis für die Nöte und Wünsche und Bedürfnisse der Nachbarn zu schwinden. Es zählt nur noch das eigene…

    1. Ich fürchte, einfach lässt sich da gar nichts umsetzen. Wir erleben mit den Veränderungen durch die Digitalisierung gerade eine historische Umbruchsituation. Die Verkäuferin weiß nicht, ob sie übermorgen noch Verkäuferin sein wird, genau so wenig wie der Mechaniker. Selbst der Lehrer kann seine Zukunft nicht mit dem Grad an Wahrscheinlichkeit vorhersagen, mit dem das ein paar Generationen vor uns die Menschen noch konnten. Viele tradierte Überzeugungen, wie „mit Fleiß wird man es schon irgendwie zu etwas bringen“ oder „mit einer guten Bildung hat man eine gute Zukunft“ geraten ins Wanken. Der Politik ist es bislang noch nicht gelungen, sich dieser Unsicherheit konstruktiv anzunehmen – vielleicht auch gar nicht verwunderlich, denn wer würde sich schon zutrauen, heute bereits vorherzusagen, wohin die Reise gehen wird?
      Meines Erachtens sollte sich die Politik aber trauen, den Menschen ein Versprechen zu geben: „Wir arbeiten dafür , dass die Veränderungen, die kommen werden, zum Wohl aller sein werden.“ Das Potential dazu gibt es, da bin ich mir sicher. Je weniger Unsicherheit die Einzelnen haben, um so eher sind sie auch bereit, sich auf Unbekanntes einzulassen.
      Wie gesagt, einfach ist das auf keinen Fall. Die Frage ist aber immer, was die Alternative dazu ist. Abschottung wird ganz sicher kein einziges der Probleme lösen, vor denen Menschen in Umbruchsituationen stehen.

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