Was ist der Sinn der Wirtschaft?

Die aktuelle Diskussion um die Zukunft Griechenlands in der Gruppe der Eurostaaten bewegt sich, wie auch die vorherigen Diskussionen um die finanzielle Stabilität der Eurozone, sowohl auf dem Feld der klassischen Währungspolitik, als auch auf dem Feld der allgemeinen Wirtschaftspolitik. Wie muss die Wirtschaft eines Eurostaates verfasst sein, um langfristig einen Beitrag zur Stabilität der Währung leisten zu können? Regelmäßig kommt diese Diskussion an einen Punkt, an dem zwei Positionen in Frontstellung zueinander geraten.

Die Versorgung der Bevölkerung mit den Waren und Dienstleistungen, die jeder benötigt, um ein menschenwürdiges Leben zu führen, wird dann mit dem Argument in Frage gestellt, das überfordere die Wirtschaft. Es wirkt ja auch auf den ersten Blick plausibel, zu fordern, dass alles, was verteilt werden soll, erst einmal erwirtschaftet werden muss. Wer macht schon gern leere Versprechungen? Bei näherer Überlegung wirft diese Argumentation allerdings einige Fragen auf. Als erstes stellt sich mir dabei Frage, was das denn eigentlich genau ist, „die Wirtschaft“. Was ist ihr Sinn? Warum ist es wichtig, sich wirtschaftlich zu betätigen?

Was Wirtschaft ist und was nicht

Sieht man sich die Bilanzen und die Ziele einzelner Wirtschaftsunternehmen an, könnte ja der Eindruck entstehen, der Zweck jeglicher Wirtschaft sei, es einzelnen Personen zu ermöglichen, ein möglichst großes Vermögen zu erwerben und es gegen jeglichen Zugriff von außen zu sichern. Das ist allerdings ein Missverständnis.

Einen besseren Zugang zu der Frage nach Sinn und Zweck der Wirtschaft bietet meines Erachtens der Blick auf die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „Wirtschaften“. Das ist jede planvolle Anstrengung, mit begrenzten Mitteln feststehende Ziele zu erreichen. Da es eine planvolle Anstrengung erfordert, Prioritäten zu setzen, wird für jeden Menschen das erste Ziel darin bestehen, die eigene Existenz zu sichern und als eigenständiges Individuum von anderen anerkannt zu werden. Irgendwann haben Menschen dann erkannt, dass dieses Ziel besser zu erreichen ist, wenn sie dabei nicht auf sich allein gestellt sind, sondern miteinander arbeiten. Und weil alle Menschen unterschiedliche Stärken und Schwächen haben, hat sich die Übereinkunft herausgebildet, dass es besser sei, wenn nicht jeder alle Tätigkeiten verrichtet, sondern jeder genau das beiträgt, was er oder sie am besten kann.

Gemeinsame Anstrengung für ein menschenwürdiges Leben

Der Kern jeder arbeitsteiligen Wirtschaft ist also die gemeinsame Anstrengung, allen, die sich daran beteiligen, die Grundlagen für ein menschenwürdiges Dasein zu sichern. Die damit verbundenen Abläufe sind komplexer geworden, weil immer mehr Menschen in diese gemeinsame Anstrengung einbezogen worden sind. Längst kann ein einzelner Mensch diese Abläufe nicht mehr in allen Einzelheiten überblicken. Werkzeuge wurden erfunden, zu Maschinen entwickelt und stetig verbessert. Geld ist als universelles Tauschmittel an die Stelle direkter Tauschbeziehungen getreten. Der Beitrag einzelner Menschen ist oftmals gar nicht mehr direkt in einem fertigen Ergebnis sichtbar. Der Sinn der Wirtschaft hat sich jedoch nicht verändert.

Was das für die Diskussion um Griechenland bedeutet

Wenn daher von der griechischen Bevölkerung verlangt wird, enorme Arbeitslosigkeit, um ein Drittel gekürzte Renten oder einen Zusammenbruch des Gesundheitswesens zu akzeptieren (die Aufzählung müsste eigentlich noch viel länger sein), dann ist es nicht nur verständlich, dass dies Frustration und Wut hervorruft. All das stellt letztlich überhaupt den Sinn der Wirtschaft in Frage, weil die Maßnahmen zu ihrer Aufrechterhaltung es für weite Teile der Bevölkerung unmöglich machen, sich ein menschenwürdiges Dasein zu sichern. Wenn die Wirtschaft in Europa tatsächlich nicht mehr in der Lage sein sollte, die Grundbedürfnisse aller Menschen in Europa zu befriedigen, ohne zusammenzubrechen, dann hat es diese Wirtschaft auch nicht verdient, weiter aufrecht erhalten zu werden.

Die gute alte Zeit gibt es nicht mehr

Es ist allerdings meiner Meinung nach nicht sinnvoll, in dieser Situation der scheinbar guten alten Zeit der Nationalökonomien in Europa nachzutrauern. Die Realität ist schlichtweg eine andere. Die Wirtschaft hatte die Beschränkungen durch Staatsgrenzen längst abgeschüttelt, als die Staaten Europas auch nur ernsthaft darüber nachgedacht haben, sich politisch zu einen. Die Uhren jetzt wieder zurückdrehen zu wollen, wäre daher die eigentliche Katastrophe für eine funktionierende Wirtschaft, weil die alten Strukturen, in denen nationale Ökonomien funktioniert haben, längst nicht mehr existieren. Es wird höchste Zeit, Wirtschaft als gemeinsame Anstrengung aller Menschen in Europa (wenn nicht weltweit) zu begreifen und uns den ursprünglichen Sinn der Wirtschaft wieder bewusst zu machen. Nur dann wird es gelingen, einen Rückfall in längst vergessen geglaubte Zeiten zu vermeiden.

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book "Das Problem der Arbeitslosigkeit". Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

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