Religionen? Staaten? Menschen!

In den vergangenen Tagen ist viel darüber gesprochen und geschrieben worden, welche Religionen nun zu Deutschland gehören und welche nicht. Den Meinungsstand, der sich dabei offenbart, kann man als einen Fortschritt interpretieren, gemessen daran, wo die Debatte begonnen hat. Es ist wohl inzwischen mehrheitlich anerkannt, dass „der“ Islam als eine der in Europa prägenden Religionen auch in Deutschland irgendwie dazu gehört. Vor nicht allzu langer Zeit wäre eine solche Aussage sicherlich undenkbar gewesen. Es ist damals im Gegenteil überhaupt nicht als abwegig erschienen, die heutige Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Religionen anhand der Begriffe Katholizismus und Protestantismus zu führen. Derartige Verwirrungen gehören für die allermeisten glücklicherweise der Vergangenheit an. Der gesellschaftlichen Realität wird jedoch auch der jetzige Stand der Debatte nicht gerecht.

Überkommener Dualismus

Was mich an dem momentanen Diskurs irritiert, ist die enge Verknüpfung von Religionsgemeinschaften mit Nationalstaaten. Es scheint gerade so, als sei Europa über den Rechtssatz „cuius regio, eius religio“ noch nicht wesentlich hinausgekommen (der Beginn des Dreißigjährigen Krieges ist ja auch erst knapp 400 Jahre her…). Selbst die Denker der Aufklärung konnten es offensichtlich bis heute nicht erreichen, weltliche Macht durch andere als religiöse Autoritäten zu rechtfertigen, so sehr sich der Gebrauch menschlicher Vernunft an anderer Stelle auch durchgesetzt haben mag. Auch die besonneneren Stimmen nach den jüngsten Verbrechen in Paris, in Nigeria, in Pakistan oder im Irak/Syrien können sich jedenfalls von dem überkommenen Dualismus von Nation und Religion nicht lösen.

Zusammenleben statt religiöser Konflikte

Dabei müsste es doch allen klar sein, dass es längst nicht mehr um die Deutungshoheit einzelner Glaubensbekenntnisse und ihrer Repräsentanten gehen kann, sondern um die drängende Frage, wie Menschen in einer immer weiter zusammenrückenden Welt mit ihrer ganzen Unterschiedlichkeit friedlich miteinander (oder zumindest nebeneinander) leben können. Bezogen auf den eingegrenzten Bereich von Deutschland sollte daher die Feststellung nicht so sehr lauten, dass „der“ Islam ein Teil von Deutschland ist, sondern dass mehrere Millionen hier lebender Menschen, deren Religion der Islam ist, selbstverständlich zu Deutschland gehören.

Der Blick hin zu den Individuen

Sobald sich der Blick nämlich von den Kollektiven der Religionsgemeinschaften weg, hin zu Individuen richtet, wird es möglich, miteinander in Dialog zu treten, gegenseitige Erwartungen zu formulieren und zu erkennen, dass sich die Bedürfnisse der allermeisten Menschen nach einem gelingenden Zusammenleben größtenteils miteinander decken. Nur wenn sich der Blick hin zu Individuen richtet, wird es auch möglich, etwaiges Fehlverhalten zu erkennen, zu korrigieren und notfalls zu sanktionieren. Der Blick auf Individuen wird es nach meiner festen Überzeugung aber auch deutlich machen, dass sich die Menschen, die da in ihrem ganzen Unterschiedlichsein zusammenleben, im Großen und Ganzen gegenseitig vertauen können, weil die gegenseitigen Erwartungen von der überwältigenden Mehrzahl der Menschen erfüllt werden, gleich zu welcher Religion oder Nichtreligion sie sich bekennen.

Der Blick über nationalstaatliche Grenzen hinaus

Letztlich kann aber auch diese Änderung der Sichtweise nur ein erster Schritt hin zu einer noch viel umfassenderen Erkenntnis sein: Die drängendsden Probleme der Menschheit (Zerstörung natürlicher Lebensräume, Ungleichverteilung von existenznotwendigen Gütern, daraus resultierende Konflikte, ja Kriege und dadurch ausgelöste Wanderungsbewegungen von Menschen) sind globaler Natur und werden folglich auch nur global gelöst werden können. Global heißt aber vor allem auch gemeinsam. In dieser Situation derart viel Zeit mit Religionskonflikten zu verlieren, wie es zurzeit geschieht, ist daher in doppeltem Sinne verantwortungslos. Auch global muss sich daher der Blick viel stärker weg von religiösen und politischen Kollektiven hin zu Individuen richten.

Ein gewaltiges Vorhaben

Die Dialoge, die dabei entstehen, werden viel komplexer sein, als das in den engen nationalstaatlichen Grenzen möglich wäre, die gegenseitigen Erwartungen, die dabei hervortreten, werden für die Einwohner der industrialisierten Regionen teils schmerzliche Änderungen notwendig machen, Vertrauen wird sich wohl sehr viel schwieriger herstellen lassen. Wer es aber ernst meint mit einem Satz, wie „Der Islam gehört zu Deutschland“, wird sich nach genauerem Nachdenken diesen weitergehenden Erkenntnissen kaum verschließen können.

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book „Das Problem der Arbeitslosigkeit“. Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

2 thoughts on “Religionen? Staaten? Menschen!”

  1. Gestern Abend fuhr ich mit dem Rad bei Euch vorbei und sah, dass Du vor dem Rechner saßt. Was er da wohl schreibt, dachte ich … Jetzt weiß ich es wohl :). Guter Text, den ich voll und ganz unterschreibe!

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