Chancen und Risiken der Digitalisierung

Gedanken zum Artikel „Die Digitalisierung macht uns arbeitslos – zum Glück!“ von Stephan Dörner im t3n-Magazin.

In seinem lesenswerten Artikel vergleicht Stephan Dörner die technischen Veränderungen im Zuge der rasanten Verbesserung der Leistungsfähigkeit digitaler Technologien mit den Umwälzungen nach der Erfindung der Dampfmaschine und der dadurch ausgelösten industriellen Revolution . Zu recht kritisiert er die defensive Reaktion darauf von Entscheidungsträgern in Kultur, Wirtschaft und Politik, die er mit der Haltung der Maschinenstürmer vergleicht, die im 19. Jahrhundert die damals neuartigen Maschinen und Fabriken zerstörten, um sich so vermeintlich die Arbeitsweise zu bewahren, die sie kannten. Bekanntermaßen konnte die technische Entwicklung nicht aufgehalten werden, folgte der Industrialisierung die Emanzipation der Arbeiterklasse, gestützt auf Gewerkschaften und sozialistische Parteien (und diejenigen, die sich daraus entwickelt haben). Konsequent betont Dörner auch die Chancen der Automatisierung und Digitalisierung, vorausgestzt es gelingt, die Früchte der Automatisierungsdvidende, das heißt die immer weiter wachsende Wertschöpfung durch autonom arbeitende Maschinen, gerecht zu verteilen.

So sehr ich mit dieser Analyse übereinstimme, so sehr befürchte ich, dass die Konsequenzen daraus sehr viel leichter ausgesprochen als umgesetzt sind.

Ein Blick auf die teils erbitterten Kämpfe, die mit der Entwicklung von den menschenverachtenden Zuständen für die Arbeiter im 19. Jahrhundert hin zu unserer alles in allem doch sehr wohlhabenden westlichen Gesellschaft verbunden waren, lässt für den zu erwartenden Kampf um die Verteilung der Automatisierungsdividende noch so einiges befürchten. Es bedarf unserer gemeinsamen Anstrengung, um Katastrophen, wie die des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Ursprünge sich zu einem erheblichen Teil ja auch auf die Verwerfungen der industriellen Revolution zurückführen lassen, dieses mal zu vermeiden.

Eine Aufgabe von erheblicher Dimension

Die Dimension dieser Aufgabe zeigt sich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass unsere gesamte Gesellschaft auf dem Fundament der Erwerbsarbeit errichtet ist, eben jener Institution, deren fortschreitende Entwertung durch Automatisierung und Digitalisierung Dörner so treffend feststellt. Erwerbsarbeit ist für die breite Masse der Bevölkerung die einzige Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Erwerbsarbeit ist die Finanzierungsgrundlage aller Sozialversicherungen und auch das Steueraufkommen basiert zu einem überwiegenden Teil auf einer direkten Besteuerung von Einkommen und damit der Erwerbsarbeit. Die Bedeutung der Erwerbsarbeit geht über diese materiellen Aspekte noch weit hinaus und hat für die meisten Menschen auch sinnstiftende Bedeutung. Unser aller Leben ist darauf ausgerichtet und die verschiedenen Lebensphasen orientieren sich daran. Erwerbsarbeit hat in unserer westlichen Gesellschaft eine geradezu religiöse Bedeutung.

Gewissheiten werden in Frage gestellt

Indem die Automatisierung und Digitalisierung dies alles in Frage stellt, wird uns allen, wird unserer westlichen Gesellschaft der Boden unter den Füßen weggezogen. Ich bin überzeugt, viele der besorgniserregenden Entwicklungen, die wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, lassen sich auf diese tiefgreifende Erschütterung scheinbarer Gewissheiten zurückführen. Wer sich nur genügend anstrengt, wird schon in der Lage sein, sich ein gutes Leben zu erarbeiten? Mit einem guten Schulabschluss, mit einer guten Ausbildung wird es einem im späteren Leben gut gehen? Wer nicht seinen Platz im Leben findet, hat etwas falsch gemacht? Solche Fragen lassen sich nicht mehr einfach so mit „ja“ beantworten. Die Folge ist eine schwindende Integrations- und Überzeugungskraft einst unangefochtener gesellschaftlicher Institutionen. Die Politik findet keine dauerhaft tragfähigen Lösungen mehr auf alltägliche Probleme jedes Einzelnen. Die Wirtschaft ist nicht mehr die gemeinsame Anstrengung, die materiellen Lebensgrundlagen aller arbeitsteilig zu erarbeiten. Der Staat ist keine neutrale Instanz mehr, der man das Gewaltmonopol guten Gewissens anvertrauen kann.

Anfälligkeit für falsche Freunde

Dieser Verlust an Integrations- und Überzeugungskraft birgt die große Gefahr, dass der Einzelne verführbar wird für Blender aller Art, die einfache Lösungen auf die komplexen Fragen versprechen, die sich aus den Umwälzungen ergeben, denen wir alle ausgesetzt sind. Religiöse Eiferer und politische Wirrköpfe erhalten Zulauf und erweisen sich schnell als unfähig, die Lebensumstände zu verbessern. Im schlimmsten Fall haben sie dann aber bereits die Köpfe und Herzen der Menschen vergiftet und sogar Tragödien zu verantworten, wie jüngst in Paris zu betrauern.

Grund für Optimismus

Nein, die Aufgabe,die sich uns allen infolge der digitalen Revolution stellt, könnte kaum größer sein. Gleichwohl habe ich die Hoffnung, dass der Optimismus von Stephan Dörner letztlich berechtigt ist. Die Menschheit hat mit Hilfe der neuen digitalen Möglichkeiten neben den Risiken auch historische Chancen, wenn nicht die Furcht, sondern die Vernunft regiert.

Eine Aufgabe für alle

Notwendig ist aus meiner Sicht ein gesellschaftlicher Dialog. Wir alle müssen uns darüber klar werden, was wir voneinander erwarten, wie wir uns auch unter geänderten Bedingungen ein gutes Zusammenleben vorstellen und wie wir die großen Chancen, die uns Automatisierung und Digitalisierung bieten, zu unser aller Vorteil nutzen können. Das ist eine zutiefst politische Aufgabe, die wir aber nicht auf „die Politik“ delegieren können. Hier ist der Beitrag jedes und jeder Einzelnen gefragt. Lasst uns jetzt damit beginnen!

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book "Das Problem der Arbeitslosigkeit". Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

Ein Gedanke zu „Chancen und Risiken der Digitalisierung“

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