Zehn Fragen der SPD zum Thema #DigitalLeben

Die SPD hat auf ihrer Internetseite dazu aufgerufen, sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf unser aller Leben auseinander zu setzen (hier der Link zu dem Artikel). Als alter Sozi beteilige ich mich da natürlich gerne. Vorgegeben waren zehn Fragen, hier fett gedruckt. Hier meine Antworten:

In einer digitalen Welt zu leben, bedeutet für mich…
…zunächst einmal den vermutlich größten Einschnitt in unser aller Leben, seit der Erfindung der Dampfmaschine und zuvor der des Buchdrucks. Verglichen mit diesen beiden fundamentalen Menschheitserfindungen ist die Digitalisierung noch brandneu. Es ist uns allen noch nicht ansatzweise bewusst, welche Umwälzungen damit verbunden sind, das wird man vermutlich erst in kommenden Generationen geschichtlich erfassen können. Für den Augenblick denke ich mir, yeah, ich lebe in spannenden Zeiten! Jetzt ist die Chance, Dinge zum Besseren zu wenden.

Mein Computer ist für mich…
…eine Maschine, ein Werkzeug, das jede Menge Potenzial besitzt, für sich genommen aber weder gut, noch schlecht ist. Wie sich dieses Werkzeug letztlich auswirkt, hängt zum größten Teil von der Person ab, die es anwendet.

Wirklich gut! Die größte Chance durch die Digitalisierung ist…
…die Möglichkeit, der Tätigkeit von Menschen eine neue Qualität zu verleihen. Menschen haben die Möglichkeit, in ganz großem Umfang Maschinen für sich arbeiten zu lassen. Tätigkeiten, die gefährlich, stumpfsinnig oder auf andere Weise unangenehm sind, können wir als Folge der Digitalisierung guten Gewissens autonom arbeitenden Maschinen übertragen. Wir Menschen erhalten dadurch die Freiheit, uns den wirklich wichtigen Aufgaben zu widmen und dabei unsere Stärken, wie Phantasie, Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit, Sinn in scheinbarem Chaos zu erkennen oder zu stiften und andere typisch menschliche Tugenden zur Geltung zu bringen. Und das ist dringend nötig, wollen wir auch in Zukunft noch auf einer lebenswerten Erde leben.

Bedrohlich! Wir müssen aufpassen, dass…
…wir nicht die schlechten menschlichen Eigenschaften aus den Augen verlieren. Gier, Missgunst oder fehlgeleitete Angst treffen eben auch mit dem machtvollen Werkzeug Computer zusammen. Die Möglichkeit, bestimmte Tätigkeiten auf autonom arbeitende Maschinen zu übertragen, potenziert auch die Gefahr böser Absichten. Jedoch ist die Konsequenz daraus eigentlich keine andere, als es das immer schon gewesen ist. Kein Mensch darf unkontrollierte Macht über andere erhalten. Diese Notwendigkeit wird nur mit den gewachsenen technischen Möglichkeiten noch viel dringender.

Die Digitalisierung verändert mein Leben durch…
…eine erhöhte Möglichkeit der Teilhabe. Als Rollstuhlfahrer ist körperliche Mobilität für mich trotz aller Hilfsmittel, die mir zur Verfügung stehen, immer noch lediglich eingeschränkt möglich. In Verbindung mit der Telekommunikation ermöglicht es mir die Digitalisierung, mit weit entfernten Menschen in Kontakt zu kommen und zu bleiben, ohne körperlich dort sein zu müssen. Aus einer rein praktischen Sicht wird auch mein berufliches Leben als Jurist einfacher, da ich sehr viel effizientere Recherchemöglichkeiten habe.

Chatten mit den Enkeln, Einkaufen per Mausklick, Arbeiten ohne feste Bürozeiten. Was bringt die Digitalisierung für Familien und Ältere?
Kurzfristig steht auf der Habenseite die zuvor beschriebene Möglichkeit, körperliche Mobilität zu ersetzen. Längerfristig kommt eine neue Qualität menschlicher Tätigkeit in allererster Linie Familien und damit auch Älteren zugute, da die typisch menschlichen Tugenden überwiegend gemeinschaftsbezogen sind. Voraussetzung ist, dass es gelingt, die Möglichkeiten der Digitalisierung geschickt zu nutzen. Es muss gelingen, die immensen Möglichkeiten am Gemeinwohl orientiert zu nutzen.

Programmieren in der Grundschule, das gesamte Faktenwissen der Welt in der Suchmaschine. Wie sollte Bildung der Zukunft aussehen?
Bildung sollte in Zukunft, wie auch schon in der Vergangenheit die Grundlagen für die Fähigkeit jedes Einzelnen schaffen, sich sinnvoll zu betätigen. Die Werkzeuge, die zur Verfügung stehen, mögen sich radikal verändern. Ihr sinnvoller Gebrauch will geübt sein. Die Frage, was jeder Einzelne mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen anstellt, bleibt. Sie wird sich wohl dringender stellen, wenn sich für die Menschen aufgrund der Automatisierung größere Handlungsfreiräume bieten. Ich meine daher, Bildung sollte sich nicht zu weit von den klassischen Bildungsidealen entfernen, ja einige Entwicklung der jüngeren Vergangenheit, die allzu sehr auf wirtschaftliche Verwertbarkeit abzielen, behutsam korrigieren.

An jedem Ort arbeiten können und ständig erreichbar sein. Was bedeutet das für Arbeit im Digitalen Zeitalter?
Ich meine, im Digitalen Zeitalter wird sich der Begriff der Arbeit in ganz anderer Hinsicht fundamental wandeln müssen. Die Fehlentwicklungen, die wir zur Zeit in Zusammenhang mit den radikal verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten sehen, resultieren sehr stark in dem Missverständnis zu glauben, mit den Maschinen auf Feldern konkurrieren zu müssen, für die sie speziell entwickelt und optimiert worden sind. Maschinen benötigen nun einmal keine Ruhepausen, wie Menschen. Prozessoren können schneller zählen und damit Denkprozesse imitieren. Derartige Rennen können Menschen nicht gewinnen. Wir Menschen haben aber unsere typischen Fähigkeiten auf Gebieten, die sich Maschinen nach allem, was wir wissen, niemals werden erschließen können. Gerade deshalb ist es möglich, Maschinen als rein dienende Einrichtungen zu begreifen. Menschliche Tätigkeit sollte dem Rechnung tragen und auf die Stärken der Menschen hin ausgerichtet werden, egal ob das dann noch Arbeit genannt werden kann oder eine neue Bezeichnung erhält.

Was müssen wir im digitalen Zeitalter tun, damit unsere Wirtschaft erfolgreich bleibt?
Bei dieser Frage ist zunächst einmal zu klären, wer mit „wir“ und „unsere“ gemeint ist. Die Bundesrepublik Deutschland wäre als Bezugspunkt schon im Hinblick auf die europäische Einigung aus meiner Sicht viel zu kurz gegriffen. Ich meine sogar, auch ein ausschließlich europäischer Bezugspunkt würde den Problemen nicht gerecht werden. Wer über wirtschaftliche Fragestellungen nachdenken möchte, sollte vielmehr alle Beteiligten im Blick haben. Da die wirtschaftlichen Akteure aber die ersten waren, für die politische Grenzen wenig Bedeutung hatten (am ehesten als Hemmschwellen, die es zu überwinden gilt), kann Wirtschaftspolitik eigentlich nur ebenso global gedacht werden. Das bedeutet nicht, dass die Bedürfnisse der Menschen sich an denen der Wirtschaft auszurichten hätten, sondern das Gegenteil ist richtig und zwar weltweit. Ich fürchte, eine solche Sichtweise wird für uns Bewohner der Industriestaaten einige erhebliche Zumutungen bedeuten, auf Dauer aber unumgänglich sein. Die digitalen Errungenschaften führen nämlich auch zu einem erheblich verbesserten Informationsstand jedes Einzelnen und es wird den Menschen künftig nicht mehr egal sein, welche Lebensbedingungen außerhalb der eigenen Grenzen herrschen. Der Blick wird sich globalisieren.

Die Digitalisierung schafft Chancen und birgt Risiken. Von der SPD erwarte ich, dass…
…sie ihre derzeitige Position der Angst verlässt und die Chancen ergreift, die mit der Digitalisierung verbunden sind. Die SPD hat dabei zugegebenermaßen besonders viel zu verlieren, weil die Umbrüche durch die technische Entwicklung gerade das tradierte Verständnis dessen erschüttern, was allgemein Arbeit genannt wird. Die Verbesserung der Bedingungen für die Verrichtung der Arbeit sowie die Sorge um die Menschen, die mit Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen, sind aber gerade die Existenzgrundlage sozialdemokratischer Kräfte in der Politik. Die Aufgabe, die sich stellt, ist nichts geringeres, als sich selbst völlig neu zu erfinden und den Weg von der Arbeiterpartei zu einer Partei zu finden, die allen Menschen, vor allem den Schwächeren, in der Postarbeitsgesellschaft einen Weg zu sozialer Sicherheit in Eigenverantwortung weist. Das ist nicht einfach. Die SPD hat aber meines Erachtens keine Chance, eine maßgebliche politische Kraft zu bleiben, wenn sie sich diesem Problem nicht stellt und sich weiterhin an dem althergebrachten Konzept der Erwerbsarbeit festklammert.

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book "Das Problem der Arbeitslosigkeit". Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

5 Gedanken zu „Zehn Fragen der SPD zum Thema #DigitalLeben“

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