Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVI (Das Verschwinden der Arbeit, wie wir sie kennen)

Wie in Teil XXV angekündigt, unterstelle ich nun, dass ich mit meiner in Teil VII formulierten These recht habe. Diese Annahme zugrundegelegt, möchte ich spekulieren, welche Auswirkungen auf unsere Lebensbedingungen derart veränderte Rahmenbedingungen haben könnten. Beginnen möchte ich hierzu kurz damit, meinen Gedankengang bis zu jener These kurz zusammenfassen.

Kurzer Blick zurück auf den Mechanismus der Erwerbsarbeit

Der Mechanismus, der die Erwerbsarbeit in den vergangenen zweihundert Jahren so erfolgreich gemacht hat, besteht darin, dass mit ihrer Hilfe alle, die sich am wirtschaftlichen Prozess beteiligt haben, davon auch profitieren konnten. Der einzelne Arbeitgeber bekam die nötige Hilfe, um Waren und Dienstleistungen zu produzieren. Der einzelne Arbeitnehmer erlangte die notwendigen Mittel, die Waren und Dienstleistungen zu erwerben, die er benötigte, um für sich und seine Angehörigen ein eigenständiges und eigenverantwortliches Leben sicherstellen zu können (siehe auch Teil II). Zu Gunsten aller Menschen gemeinsam konnte sich so eine Gesellschaft entwickeln, innerhalb derer es möglich war, die Lebenswirklichkeit einem Ideal sozialer Gerechtigkeit anzunähern. Es bildete sich ein Wirtschafts- und Sozialsystem, das den Menschen genügend Anreize bot, um sich gemeinsam für größere Ziele anzustrengen, als sie ein einzelner hätte erreichen können und dabei insgesamt erfolgreich zu sein, die aber auch für die Schwächeren alles in allem akzeptabel war, da sie es jedem einzelnen ermöglichen konnte, den eigenen Lebensunterhalt sicherzustellen (vergleiche auch Teil V).

Gesellschaftliche Stabilität durch allgemeinen Vorteil

Diese Gesellschaft konnte stabil sein, ohne allzusehr auf staatliche Intervention, etwa durch Repression oder die Alimentation des Einzelnen angewiesen zu sein, da die zwei gegenläufigen Ziele, die Erzeugung von Massenkaufkraft zur Förderung des Konsums und die Kontrolle der durch die gezahlten Löhne maßgeblich beeinflussten Produktionskosten in einem Gleichgewicht gehalten wurden und durch die Förderung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung immer weitere Verteilungsspielräume erschlossen werden konnten. Auf diese Weise konnten immer mehr Waren und Dienstleistungen produziert werden und den Wohlstand allgemein immer weiter steigern.

Die Nebenfolge des technischen Fortschritts

Eine Nebenfolge des immer weiter gehenden technischen Fortschritts ist aber auch, dass bei Produktionsprozessen und zunehmend auch bei Dienstleistungen menschliche Tätigkeit in immer größerem Umfang vollkommen verdrängt wird. Die zentrale Stellung der Erwerbsarbeit im wirtschaftlichen Prozess wird dadurch mehr und mehr zum Problem, da sie nicht mehr allen Menschen gleichermaßen zugänglich ist und so nicht mehr in der gewohnten Weise ihre Funktion als Motor zur Erzeugung und Verteilung des Wohlstands spielen kann (siehe Teil VII).

Die konsequente Fortführung dieses Gedankens

Denkt man diese Entwicklung konsequent zu Ende, werden in Zukunft die Produktion von Waren und die meisten Dienstleistungen nahezu ausschließlich durch Maschinen erfolgen, die sich weitgehend selbst steuern, kontrollieren und ihren Einsatz sowie ihr Zusammenwirken mit anderen Maschinen optimieren. Überall dort, wo Maschinen solche Aufgaben präziser, ausdauernder, kraftvoller, effizienter und damit zuverlässiger erledigen können, wird menschliche Tätigkeit schließlich vollständig verschwinden. Menschliche Tätigkeit wird dagegen immer dort benötigt werden, wo spezifisch menschliche Fähigkeiten notwendig sind: Kreativität, Empathie, Assoziationsfähigkeit, ethisch moralisches Abwägen, Kommunizieren und Handeln, Phantasie, zukunftsgerichtetes Denken und viele mehr.

Was menschliche Tätigkeit sein wird

Der Mensch wird immer ein tätiges Wesen sein, menschliche Tätigkeit wird sich aber radikal verändern. Für menschliche Arbeitskraft, so wie wir sie heute kennen, wird in Zukunft ein sehr viel geringerer Bedarf bestehen, als das heute der Fall ist. Insbesondere für einfache, mechanische und damit monotone Hilfs- und Unterstützungstätigkeiten wird menschliche Arbeitskraft nicht mehr benötigt werden und überall dort, wo menschliche Tätigkeit in den „klassischen Bereichen“ auch weiterhin unverzichtbar sein wird, werden dafür besondere Fähigkeiten und Qualifikationen erforderlich sein.

Der Bedeutungsgewinn für den zwischenmenschlichen Bereich

Es werden sich neue Bereiche herausbilden, in denen menschliche Tätigkeit hauptsächlich stattfindet und zwar dort, wo wir bereits heute die Notwendigkeit erkennen, die wir aber aufgrund vermeintlicher oder tatsächlicher Sachzwänge vernachlässigen. Dies wird in ganz starkem Maß der zwischenmenschliche Bereich sein und zwar im weitesten Sinne, das heißt im privaten, wie im öffentlichen Bereich. Menschliche Tätigkeit wird sich also zum einen auf das direkte persönliche Umfeld beziehen, den privaten Bereich (was den traditionellen Begriff der Familie beinhaltet, jedoch sehr viel weiter gefasst sein wird, als diese), den Freundeskreis, den Kreis interessenbezogener Gemeinschaften und den daraus entstehenden Mischformen.

Eine Analyse nach den Grundlagen der „Vita activa“ von Hannah Arendt

Um die Veränderungen in der Art menschlicher Tätigkeit näher zu beschreiben, möchte ich mich einmal mehr auf den begrifflichen Ansatz von Hannah Arend und ihr großes Werk „Vita aktiva“ beziehen, das die gesamten Aspekte menschlicher Tätigkeit unter Bezug auf die antike griechische Welt beschreibt. „Tätig sein“ beinhaltet danach drei Aspekte: Das Arbeiten, das Herstellen und das Handeln. Hannah Arendt und ihrer Analyse möchte ich daher den nächsten Teil widmen.

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book "Das Problem der Arbeitslosigkeit". Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

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