Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IV (Effekt durch sinkende Lohnkosten?)

Die Kaufkraft beeinflusst also einen Teil des Mechanismus, den Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit sicherzustellen. Wie steht es mit dem anderen von mir genannten Teil, dem Einfluss der Preise auf die Nachfrage?

Lohnkosten beeinflussen Produktpreise

Ein Produkt wird – im Umkehrschluss zu dem in Teil III dargestellten Gegeneffekt – um so eher nachgefragt, je niedriger sein Preis ist. Ein wichtiger Faktor, der den Preis eines Produkts beeinflusst, sind die Produktionskosten. Diese werden von den Kosten für die Erwerbsarbeit beeinflusst, die für die Herstellung und den Vertrieb eines Produkts notwendig sind (andere Kostenfaktoren möchte ich hier gerne ausblenden). Aus Sicht eines Arbeitgebers ist das der Bruttolohn eines Arbeitnehmers (Nettolohn + Steuern + Arbeitnehmeranteil der Beiträge zur Sozialversicherung) zuzüglich dem vom Arbeitgeber zu tragenden Anteil an den Sozialversicherungsbeiträgen. Alle genannten Anteile an den Lohnkosten lassen sich günstig beeinflussen.

Lohnkosten beeinflussen die Nachfrage, die Gewinne und die Schaffung von Arbeitsplätzen

Die Nachfrage nach Produkten lässt sich also steigern, indem man Lohnkosten senkt oder zumindest ihren Anstieg möglichst begrenzt. Gleichzeitig haben niedrigere Produktionskosten auch direkt höhere Gewinne und damit eine höhere Rentabilität der Erwerbsarbeit zur Folge. Dies ist der Hintergrund für die gängige Argumentation, dass sich Lohnzurückhaltung, die Senkung des Einkommensteuertarifs und die Senkung der Sozialversicherungsbeiträge positiv auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit auswirken. Der Mechanismus der Erwerbsarbeit soll auf diese Weise besser aufrecht erhalten werden. Dazu kommt noch, dass bei niedrigeren Lohnkosten Arbeitsverhältnisse eher begründet beziehungsweise aufrecht erhalten werden. Erwerbsarbeit wird auf diese Weise tatsächlich als ein knappes Gut behandelt, das auf eine um so größere Zahl von Menschen verteilt werden kann, je niedriger sein Preis ist. Die Agenda 2010 der früheren Regierung von Gerhard Schröder hat unter anderem diesen Ansatzpunkt verfolgt.

Grenzen auch dieses Ansatzes

Allerdings gibt es gegen diese Argumentation einen großen Einwand: Je stärker Löhne sinken oder ihr Anstieg so begrenzt wird, dass sie hinter dem Anstieg von Lebenshaltungskosten zurück bleiben, um so weniger ist Erwerbsarbeit in der Lage, dem Einzelnen seine eigenständige Existenz zu sichern. In einem System mit relativ großen Lohnunterschieden werden davon zuerst die Menschen betroffen, deren Löhne am unteren Ende der Skala liegen. Tatsächlich gibt es ja bereits Arbeitsplätze, deren Löhne selbst bei einer Vollzeitbeschäftigung unter dem Satz des Arbeitslosengelds II liegen. Ist aber ein Wirtschaftssystem, das Einkommen vorrangig durch Erwerbsarbeit verteilt, dauerhaft nicht in der Lage, die eigenständige Existenz von Menschen durch Löhne sicherzustellen, wird es fragwürdig. Dadurch sind aus meiner Sicht die Möglichkeiten, die Rentabilität von Erwerbsarbeit durch Lohnsenkungen zu erreichen, deutlich begrenzt.

Steuern und Abgaben senken?

Das gilt auch, wenn man Arbeitskosten durch die Senkung von Einkommensteuern oder Sozialversicherungsbeiträgen beeinflussen möchte. In diesem Fall stellt sich nämlich immer die Frage, wie denn die dadurch fehlenden Gelder eingespart werden sollen. Zumindest für die Beiträge zur Sozialversicherung gilt nämlich, dass damit Leistungen finanziert werden, die direkt zur Existenzsicherung beitragen. Das wirkt sich nicht nur bei den Menschen aus, durch deren Arbeit die Beiträge erwirtschaftet werden, sondern teilweise auch bei deren Angehörigen, die ohne eigene Beitragspflicht in die Sicherung mit einbezogen werden.

Keine Alternative: Verlagerung von Produktionsvorgängen

Was ebenfalls die Produktionskosten senkt, ist die Verlagerung arbeitsintensiver Produktionsvorgänge in Regionen mit niedrigen Löhnen. Hierdurch werden Einzelne schlechter gestellt, die in Konkurrenz zu diesen niedrigen Löhnen selbst niedrigere Löhne akzeptieren müssen oder ihre Arbeit ganz verlieren. Einen positiven Effekt sehe ich nur dann, wenn aufgrund dieser günstigeren Produktion mehr neue Arbeitsplätze entstehen, als verloren gehen. Dagegen spricht die oben beschriebenen Grenze für Lohnsenkungen. Dagegen sprechen aber auch ethische Gründe, wenn Produktionsvorgänge in Regionen verlagert werden, die elementare Arbeitsschutzrichtlinien vernachlässigen oder gar Kinderarbeit zulassen. Abgesehen davon sind niedrige Löhne in einer Region in der Regel verbunden mit einem niedrigeren allgemeinen Lebensstandard. Dauerhaft lässt sich eine Senkung von Produktionskosten durch eine Verlagerung von Produktionsvorgängen also nur erreichen, wenn gleichzeitig keine gesellschaftliche Entwicklung in dieser Region stattfindet.

Einen ebenfalls dämpfenden Effekt auf die Produktionskosten hat die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch verbesserte Werkzeuge und Produktionsabläufe. Dieser Ansatz ist auch bereits in Teil III aufgetaucht, um mehr Raum für Lohnsteigerungen zu schaffen. Ich möchte diesen Ansatz als Rationalisierung bezeichnen und im nächsten Teil näher betrachten.

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book „Das Problem der Arbeitslosigkeit“. Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

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