Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil II (entgegengesetzte Interessen)

Um unsere eigenständige Existenz jetzt aus eigener Kraft sichern und für unseren Lebensabend vorsorgen zu können, sind wir also im Wesentlichen auf Erwerbsarbeit angewiesen. Andere Möglichkeiten der Existenzsicherung existieren, sind aber eher selten und werden überwiegend auch eher mit Argwohn oder gar Ablehnung betrachtet, wie etwa Lottohauptgewinn, reiche Erbschaft, günstige Heirat oder ähnliches. Als vollwertige Existenzsicherung in dem Sinne, den Lebensunterhalt zu verdienen, wird von den meisten Menschen lediglich die Erwerbsarbeit betrachtet. Wer Erwerbsarbeit nicht findet, verliert oder nicht ausüben kann, besitzt – bei Erfüllung der verschiedenen Voraussetzungen – einen Anspruch auf Leistungen der verschiedenen Solidargemeinschaften der Sozialversicherung oder letztlich auch des Staates. Diesen Leistungen haftet mit Ausnahme der Altersrente allerdings auch immer ein gewisser Makel des Scheiterns an.

Erwerbsarbeit als Gut

Arbeit haben wird damit für den Einzelnen genau so als Gut betrachtet, wie die eigenständige Existenz, die durch sie gesichert werden soll. Um dieses Gut dem, der es besitzt, zu sichern, hat sich  ein komplexes System von Regeln etabliert, das genau regelt, wie Arbeitsverhältnisse zustande kommen und wie sie wieder enden. Das gilt vorrangig für die abhängige Beschäftigung, die immer noch den größten Teil der Erwerbsarbeit stellt, und die insofern problematisch ist, als man von der Person abhängig ist, die einem die Arbeit gibt und bezahlt. Auch Selbständige und Freiberufler sind von ihren Auftragsgebern oder Kunden abhängig, jedoch mutet man diesen Personengruppen von vornherein eine größere Unsicherheit zu, indem sie sich Aufträge und Absatzmärkte selbst, teilweise nach Abschluss jedes abgeschlossenen Projekts von neuem suchen müssen. Ich möchte diese Form der Erwerbsarbeit an dieser Stelle zunächst vernachlässigen und Arbeit vorläufig als abhängige Beschäftigung betrachten, weil ich glaube, dass sich daran besonders deutlich ein erstes Spannungsverhältnis zeigt, das der Sicherung des Lebensunterhalts durch Erwerbsarbeit innewohnt.

Ein immanentes Spannungsverhältnis

Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben aufgrund dieser Funktion der Erwerbsarbeit klar gegensätzliche Interessen. Die Menschen, die ihren Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit bestreiten, haben neben anderen Erwartungen inhaltlicher Art vor allem zwei Anforderungen an ihre Arbeit: Das Arbeitsentgelt sollte so hoch sein, dass die notwendigen Lebenshaltungskosten, ihre eigenen und möglicherweise auch die von Angehörigen, gedeckt werden können. Außerdem sollte die Arbeitsstelle so weit gesichert sein, dass keine allzu großen Sorgen für die Zukunft bestehen.

Ein Arbeitgeber verfolgt dagegen nicht das Ziel, anderen Menschen eine Existenzgrundlage zu sichern, sondern bezweckt irgendetwas anderes. Vielleicht stellt er ein materielles Produkt her oder erbringt eine Dienstleistung und kann die dabei anfallenden Tätigkeiten nicht alleine ausführen. Jedenfalls ist ein Arbeitgeber in der Regel darauf angewiesen, durch das Erreichen seines Ziels einen möglichst hohen Gewinn zu erwirtschaften. Er wird einen Arbeitnehmer nur zu solchen Bedingungen beschäftigen, die ihm das ermöglichen. Der Nutzen der Tätigkeit, die ein Arbeitnehmer ausübt, muss also einen Wert haben, der nicht nur seine Existenz sichert, sondern auch dem Arbeitgeber einen angemessenen Gewinn verschafft.

Davon scheinbar abweichend sind solche Arbeitsverhältnisse, bei denen der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber direkt eine persönliche Dienstleistung erbringt. Allerdings muss der Arbeitgeber auch den Lohn für eine solche Dienstleistung aufbringen können und der ideelle Nutzen dieser Tätigkeit muss für den Arbeitgeber so hoch sein, dass er bereit ist, dafür Geld auszugeben.

Im Prinzip eine gute Idee…

Dieses der Erwerbsarbeit innewohnende Spannungsverhältnis kann die Motivation für die Menschen sein, die ihren Lebensunterhalt als Arbeitnehmer bestreiten, möglichst gute Leistungen zu erbringen, um ihren Arbeitsplatz zu sichern. Damit erzielt ein Arbeitgeber Gewinne, die er weiter investieren oder konsumieren kann und erzeugt damit den Bedarf nach weiterer Erwerbsarbeit, die wiederum weiteren Menschen die Möglichkeit gibt, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Alle profitieren davon. Nur scheint dieser Mechanismus nicht wie gewünscht zu funktionieren. Warum eigentlich?

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book "Das Problem der Arbeitslosigkeit". Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

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