Die zwei Seiten gesellschaftlicher Vernunft

Die Gedanken von John Rawls enthalten für Sozialdemokraten meiner Meinung nach sehr wertvolle Ansätze.

Zusammenfassung der Gerechtigkeitsgrundsätze

Mark hat dankenswerter Weise mit den Gerechtigkeitsgrundsätzen bereits auf einen der wichtigsten Ansätze hingewiesen. Das dort enthaltene Unterschiedsprinzip (eine ungleiche Verteilung von Gütern ist immer nur dann zulässig, wenn gerade diese Verteilung genau denen einen Vorteil bringt, die am schlechtesten dastehen) drückt aus meiner Sicht hervorragend die Ausrichtung an der sozialen Gerechtigkeit aus. Die Richtung der Bemühungen, nämlich die Gesellschaft in ihrer Grundstruktur so zu verändern, dass sie diesen Grundsätzen entspricht, ist ein weiterer bedeutender Ansatz für Sozialdemokraten.

Um die Gerechtigkeitsgrundsätze richtig anwenden zu können, muss man allerdings immer beachten, dass diese in einer sogenannten lexikalischen Ordnung stehen. Die Forderung, jedem die weitestgehenden Rechte zu gewähren, die mit den gleichen Rechten für alle anderen vereinbar sind (erster Teil der Grundsätze), geht der Forderung nach gleichen Chancen beim Zugang zu öffentlichen Ämtern und der Begrenzung der zulässigen Ungleichheiten zum Wohl der am wenigsten Begünstigten (zweiter Teil der Grundsätze) immer vor.

Die Notwendigkeit gesellschaftlicher Zusammenarbeit

So wird allen Reformbemühungen eine Grenze gesetzt, da auch die bereits Privilegierten einer Gesellschaft ihrer gleichen Rechte nicht enthoben werden dürfen. So wird für mich Rawls‘ Orientierung an der Vernunft deutlich. Bei allem Bedürfnis, bestehende Ungerechtigkeiten zu beseitigen, darf man nicht aus dem Blick verlieren, dass in einer Gesellschaft letztlich alle aufeinander angewiesen sind. Über eine gerechte Verteilung der Früchte gesellschaftlicher Zusammenarbeit kann man eben nur diskutieren, wenn diese Zusammenarbeit auch funktioniert.

Genau diese Erkenntnis ist aber auch umgekehrt notwendig und richtig. Die Privilegierten einer Gesellschaft sind auf die Zusammenarbeit mit allen anderen angewiesen, da ansonsten auch ihre gute Position zum jetzigen Zeitpunkt sie nicht davor bewahren könnte, früher oder später alles wieder zu verlieren. Die Gerechtigkeit gesellschaftlicher Verhältnisse zuzulassen ist daher für die Privilegierten ebenso ein Gebot der Vernunft, wie es umgekehrt der Verzicht ist, den Privilegierten alles zu nehmen. Beides ist jeweils eine Seite der Medaille.

Gerechtigkeit bleibt unerlässlich

Betrachtet man die Entwicklung nach dem Ende des kalten Kriegs, behaupte ich, dass diese Vernunft zu sehr aus dem Blick geraten ist. Im Wettbewerb zweier Gesellschaftssysteme ist am Ende dasjenige übrig geblieben (es ist falsch, hier von Sieg zu sprechen), das am ehesten beide Seiten der Vernunft miteinander vereinbaren konnte. Der Fehler war danach offenbar, anzunehmen, dass die Gerechtigkeit einer Gesellschaft ohne diesen Wettbewerb weniger wichtig geworden sei und in dem neu einsetzenden globalen Wettbewerb um immer niedrigere Produktionskosten zur Disposition gestellt werden könne. Die Gefahr, die ich dabei sehe, liegt darin, dass die Bereitschaft zur gesellschaftlichen Zusammenarbeit schwindet und am Ende ein Kampf jeder gegen jeden beginnt.

Die Notwendigkeit gesellschaftlicher Gerechtigkeit auch in schlechten Zeiten zu betonen ohne dabei die andere Seite der Vernunft aus den Augen zu verlieren, halte ich für die Aufgabe der Sozialdemokratie. Dem gerecht zu werden, dürfte noch einige Diskussionen erforderlich machen.

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book "Das Problem der Arbeitslosigkeit". Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

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