Das Wohl der am wenigsten Begünstigten

Das Wohl aller fördern, indem jeder seine wohlverstandenen Interessen verfolgt (vgl. Eine gerechte Grundstruktur der Gesellschft)? Das bedarf einer Konkretisierung.

Was Rawls in meinen Augen auch für Sozialdemokraten interessant macht, ist seine Forderung, dass wirklich alle von den gesellschaftlichen Anstrengungen profitieren. Niemandem soll entgegengehalten werden können, dass er seine schlechte Position hinzunehmen habe, da dies insgesamt ein größeres Wohl hervorbringe. Im Gegenteil fordert er, dass gesellschaftliche Entwicklung sehr stark die Position gerade der am wenigsten Begünstigten verbessert.

Ich finde, das ist genau der Punkt: Letztlich behaupten doch alle relevanten politischen Parteien, mit ihrem Konzept könne man am wirkungsvollsten das Wohl der Menschen fördern. Die Merkmale, anhand derer der Erfolg aller Bemühungen gemessen wird, lassen das Wohl der Menschen aber allzu oft außer Betracht. Da geht es um abstrakte Daten, wie Wirtschaftswachstum oder Arbeitslosenzahlen. Das sind auch wichtige Indikatoren. Wir sollten aber immer im Blick behalten, ob gerade diejenigen, denen es am schlechtesten geht, die begründete Hoffnung haben können, dass es ihnen in Zukunft besser geht.

Das sollte der Indikator für Sozialdemokraten sein.

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book „Das Problem der Arbeitslosigkeit“. Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

9 thoughts on “Das Wohl der am wenigsten Begünstigten”

  1. Es ist schon bedenklich, dass selbst im sozialen Europa nach Jahren der Gehirnspülung (http://www.oberschichtenfernsehen.de/archiv/2008/12/20/burn-after-understanding/) solche Grundannahmen von Rawls absolut illusorisch wirken. Als seien mit dem (wohlverdienten) Untergang der Sowjetunion auch die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit beerdigt worden. Die Sozialdemokraten glauben dem Zeitgeist hinterher zu müssen. Selbst die Empörung über Philipp Mißfelder und seine Hartz IV-Entgleisung wirkt gekünselt. Wir sollten Parlamentarier mit Rawls bewerfen 😉

  2. Ja genau! Wir sollten aber gebundene Ausgaben nehmen, die hinterlassen einen bleibenderen Eindruck, als Taschenbücher.

    Ich stimme Dir zu, dass die Desorientierung der Sozialdemokratie viel mit dem Untergang des sowjetisch geprägten Kommunismus zu tun hat. Wer immer schon alle Ideen, die sich gegen die rein wirtschaftliche Betrachtungsweise des gesamten Lebens richten, als Einbruch des Kommunismus verteufelt hatte, musste sich dadurch bestätigt fühlen. Den Sozialdemokraten auf der anderen Seite ist der Marx abhanden gekommen, dessen Ideen konsequent umzusetzen die Sowjetunion ja immer behauptet hat.

    Die Entwicklung der letzten Jahre hat aber gezeigt, dass es 1989 kein siegreiches System gegeben hat, sondern, dass wir alle uns immer wieder Gedanken machen müssen, ob das, was wir gerade tun, denn auch wirklich gerecht ist. Der Ansatz von Rawls hilft dabei, glaube ich.

  3. Gebundene Ausgaben, sehr schön. Da bekommt der Topos „Praktische Philosophie“ einen ganz anderen Klang 😉

    Was die „Kolonialisierung der Lebenswelt“ durch die Ökonomie angeht, ist das auch bestens bei Sennett (Der flexible Mensch) beschrieben:

    Durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt verlieren Wertvorstellungen und Tugenden, wie Treue, Verantwortungsbewusstsein und Arbeitsethos, ebenso wie die Fähigkeit auf sofortige Befriedigung von Wünschen zu verzichten und Ziele langfristig zu verfolgen, an Bedeutung. Gründe für diese Entwicklung sind die Beschleunigung der Arbeitsorganisation, die stetig wachsenden Leistungsanforderungen, die zunehmende Unsicherheit der Arbeitsverhältnisse sowie die Notwendigkeit, jederzeit aus beruflichen Gründen den Wohnort und damit das soziale Umfeld zu wechseln.

    Durch das felexibel halten von Standort und Arbeitsabläufen und dem Anpassen an den „Notwendigkeiten“ der globalisierten Wirtschaft ensteht eine Atmosphäre von Angst, Hilflosigkeit, Instabilität und Verunsicherung in weiten Teilen der Gesellschaft. Diese Instabilität und Verunsicherung lässt nach Sennett eine Ellenbogengesellschaft entstehen. Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer. Die Mittelschichten werden ausgedünnt. Dort ist eine Polarisierung zwischen einer kleineren Gruppe von Profiteuren und einer großen Anzahl von Verlierern des neuen Systems zu beobachten.

    In der „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ führt Sennett das Ganze dann weiter. Damit hätten wir schon drei Bücher für den großen Wurf 😉

    1. @Mark Super! Ich schlage noch zusätzlich Charles Taylor (den Kanadier!) vor, „Das Unbehagen an der Moderne“. Taylor legt dar, wie sich die moderne Gesellschaft vor allem auch durch die Phänomene, die Du ganz treffend aufzählst, „den Ast absägt, auf dem sie selbst sitzt“. Für unsere Parlamentarier sollte uns nichts zu viel sein 😉

  4. Rawls müsste wirklich wieder fruchtbar genacht werden für eine politische Grundsatzdebatte, die dringend geboten ist. Jenseits der Frage, ob die die philosophische Begründung druchgehend trägt (welche macht das schon?), ist Rawls
    „Gerechtigkeit als Fairness“ bestechend:

    1. Jeder Mensch soll gleiches Recht auf ein „völlig adäquates“ System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist.
    2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind dann zulässig, wenn sie (a) mit Ämtern und Positionen verbunden sind, die jedermann offen stehen (Prinzip der fairen Chancengleichheit), und wenn sie (b) denjenigen, die am wenigsten begünstigt sind, am meisten zugute kommen.

  5. Hm, Taylor kenn ich gar nicht. Hab während des Studiums mal was zum Kommunitarismus von ihm gelesen, weiß aber nicht mehr, wie seine Position aussah. Der Kommunitarismus der unter dem Label der Selbstorganisation bis hin zum organisierten Neighborhoodwatch die soziale Kontrolle institutionalisieren will, schießt m.E. über das Ziel hinaus. Zum Glück hat die Debatte in Deutschland nie richtig Fuß fassen können. Aber wie gesagt: Weiß nicht, ob ich Taylor da richtig verorte…

    1. Taylor wird immer mit dem Kommunitarismus in Verbindung gebracht. So ganz kann ich dem aber nicht folgen. Im wesentlichen geschieht das offensichtlich, weil er als Kritiker von Rawls gilt. Auch das kann man aber meiner Meinung nach nicht uneingeschränkt sagen. Taylor richtet sich vor allem gegen einen übertriebenen Liberalismus, der die Menschen als reine Einzelwesen ansieht, die sich ausschließlich aus Eigennutz auf ein Zusammenleben mit anderen Menschen einlassen. Taylor bezweifelt, dass man bei einem derart reduzierten Menschenbild überhaupt von einem wirklichen Leben sprechen kann und betont die Notwendigkeit menschlichen Zusammenlebens als Voraussetzung eines sinnvollen Lebens, da er Kommunikation hierfür für unabdingbar hält.

      Politisch steht Taylor für die Sozialdemokratie und war einige Zeit in leitender Funktion für die kanadische Sozialdemokratie aktiv.

  6. Hm, dann sollte ich bei Taylor noch mal reinschauen. Hab gerade meinen Foucault (Geschichte der Gouvermentalität) ausgepackt. Da hab ich mich noch nie richtig rangewagt, weil diese Modefranzosen mir immer suspekt waren, vielleicht wirft das auch was ab…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.