Soziale Gerechtigkeit

Sind Demokratie und Rechtsstaatlichkeit noch einigermaßen feststehende Begriffe mit einer langen Tradition der Auslegung, wird es beim Thema „soziale Gerechtigkeit“ schwierig. Klar, jeder will irgendwie, dass es allen gut geht, die sich selbst ernsthaft als Teil unserer Gesellschaft betrachten und sich an den gemeinsamen Bemühungen beteiligen, unsere Existenz zu sichern und unser Leben lebenswert zu gestalten. Sobald es aber darum geht, wie dieses „Allen geht es gut“ genau aussehen soll, auf welchen Wegen das erreicht werden kann oder was dabei konkret zu tun ist, gehen die Meinungen doch stark auseinander.

Lebensumstände der schlechter Gestellten verbessern

Immerhin ist es für Sozialdemokraten klar, dass es vorrangiges Ziel der Bemühungen sein muss, gerade die Lebensumstände der schlechter gestellten Mitglieder der Gesellschaft zu verbessern. Diese grobe Orientierung ist in Zeiten, in denen anscheinend Kräfte erfolgreich sind, die sich ausdrücklich dem Wohl der „Besserverdienenden“ verschrieben haben, auch notwendiger denn je. Die Frage nach dem richtigen Weg dorthin und den konkret notwendigen Maßnahmen bleibt damit aber weiter  unbeantwortet.

Identifikationsprobleme

Noch nicht einmal die Gruppe der „schlechter gestellten Mitglieder der Gesellschaft“ lässt sich eindeutig identifizieren. Sind das nun weiterhin die Arbeiter oder neudeutsch die Tarifbeschäftigten oder vielleicht doch diejenigen, die zwar arbeiten wollen, aber keine bezahlte Beschäftigung finden? Oder beide? Was, wenn beide Gruppen gegenläufige Interessen haben? Wie sind bei alledem die berechtigten Interessen derjenigen zu berücksichtigen, die nach einem langen Arbeitsleben Altersbezüge erhalten und darauf angewiesen sind, dass diese erwirtschaftet werden? Was ist mit denen, die daran als aktive Generation jetzt und in den kommenden Jahren mitwirken und dafür aufgrund der demografischen Entwicklung vielleicht selbst keine angemessene Absicherung im Alter erhalten werden? Die Gruppe derjenigen, die der sozialen Gerechtigkeit bedürfen, scheint doch je nach dem Standpunkt des Betrachters und dessen zeitlicher Präferenz sehr unterschiedlich zu sein.

Einfache Heilsbotschaften ungeeignet

Einfache Heilsbotschaften sind meiner Überzeugung nach angesichts dessen von vornherein ungeeignet, etwas Sinnvolles zu erreichen, besonders dann, wenn sie sich in erster Linie gegen bestimmte Menschen oder Gruppen von Menschen richten. Dies ist für mich auch neben der grundsätzlichen Ablehnung ein weiteres Argument gegen Extremisten jeglicher Erscheinungsform. Gleichwohl kann die Schwierigkeit der Aufgabe für mich kein Argument dagegen sein, die Verhältnisse überall dort, wo es notwendig ist, nach Kräften zu verbessern. Jeder ehrliche Streit über die konkreten Zielrichtungen unserer Bemühungen, die Wege dorthin und die konkret zu ergreifenden Maßnahmen ist für mich der Schicksalsergebenheit vieler Konservativer gegenüber ungerechten Verhältnissen entschieden vorzuziehen.

Sollte an dieser Stelle ein solcher ehrlicher Streit zustande kommen, wäre das für mich eine große Ehre.

Veröffentlicht von

Thomas F. Reis

Bloggt seit 2009 darüber, wie er sich die Politik der SPD wünschen würde. Daraus entstand 2013 u.a. sein E-Book "Das Problem der Arbeitslosigkeit". Sein Schwerpunkt-Thema ist die Zukunft der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung.

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