Die Ergebnisse für die AfD: Symptom für einen Trauerprozess?

Gedanken an einem denkwürdigen Wahlabend, inspiriert von dem Artikel „Wie ich auszog, die AfD zu verstehen“ von Malte Henk,  erschienen in der Zeit.

Als ich heute Nachmittag auf den Beginn der Wahlberichterstattung zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt gewartet habe, ist mir der Beitrag von Malte Henk aufgefallen. Er beschreibt dort einen interessanten Selbstversuch, mit dessen Hilfe er zu verstehen versucht, warum die AfD derzeit eine so hohe Zusimmung erhält: Mit Hilfe eines erfundenen Profils auf Facebook gab sich Henk als ein AfD-nahes alter ego aus und kam so in Kontakt mit anderen Sympathisanten der Partei.

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Mein europäisches Versprechen: Zurück zu den Ursprüngen, für alle Menschen, überall

Als ich von der Blogparade „Mein europäisches Versprechen“ erfahren habe, die Johannes Korten gemeinsam mit Jochen Gerz initiiert hat, war ich gleich interessiert. Mit der Idee eines friedlich geeinten Europa kann ich mich sehr gut identifizieren. Ich bin überzeugter Europäer und nach den Anschlägen in Paris war es mein Bedürfnis, diese Überzeugung – jetzt erst recht! – öffentlich zu bekunden. Als ich dann aber begonnen habe, meinen Beitrag zur Blogparade zu verfassen, bin ich schnell ins Stocken geraten. Nicht etwa, weil meine Überzeugung für Europa oder meine Sympathie für die Menschen in Frankreich nachgelassen hätten, sondern weil ich Schwierigkeiten hatte, meine Gedanken zu Europa in eine einzelne Aussage zu komprimieren, noch dazu in eine Aussage, die eine verbindliche Zusage an Europa enthält. Mein europäisches Versprechen: Zurück zu den Ursprüngen, für alle Menschen, überall weiterlesen

Den digitalen Wandel aktiv begreifen, statt Kopf in den Sand: Netzökonomischer Käsekuchentalk bei Gunnar Sohn

Die Digitalisierung ist der Motor des Wandels, der unser aller Zusammenleben von Grund auf verändern wird. In meinem Beitrag Chancen und Risiken der Digitalisierung habe ich darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass hierzu eine politische Diskussion notwendig ist, an der sich jeder einzelne beteiligen sollte, um letztlich die Chancen nutzen und die Risiken beherrschen zu können.

Gunnar Sohn führt diese Diskussion sehr pointiert auf vielen Kanälen, wie zum Beispiel auf seinem Blog „Ich sag mal“. Fester Bestandteil davon sind die regelmäßigen Diskussionsrunden, die bei Käsekuchen und Kaffee ein netzökonomisches Thema näher beleuchten. An einer dieser Runden, unter der Überschrift „Digitale Alphabetisierung statt Vogel-Strauß-Prinzip – die Zukunft der Arbeit hat längst begonnen“, bin ich dabei gewesen. Gemeinsam mit Gunnar, Miliana Romic, Sabria David, Michael Zachrau, Klaus M. Janowitz, Guido Bosbach und Guido Schwan hatten wir eine tolle Diskussion, die hier zu sehen ist:

Ich würde mich freuen, wenn das nicht die letzte Runde dieser Art gewesen ist!

Mutig offen oder ängstlich hinter Zäunen? Europa muss sich entscheiden

Das Jahr 2015 wird in späteren Zeiten einmal als das Jahr einer historischen Zäsur betrachtet werden, der Zäsur für Europa. Was wir zur Zeit erleben, hat das Potenzial, uns alle zu verändern: Die europäischen Institutionen, aber ebenso alle Europäer, unabhängig davon, ob sie Bürger der Europäischen Union sind oder nicht. Europa hat zwei große Fragen zu beantworten, die keineswegs neu sind, die sich in diesem Jahr aber auf eine Weise zugespitzt haben, dass sie nicht länger ignoriert werden können.
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Muss Griechenland die Eurozone verlassen?

Der Pulverdampf hat sich verzogen. Ich nutze dieses Bild nicht gerne. Nur leider kommt es der Wirklichkeit nach den vergangenen Wochen am nächsten. Es waren dramatische Verhandlungen um den künftigen Umgang mit den Staatsschulden Griechenlands und einige Worte, die gefallen sind, haben tatsächlich mehr an eine kriegerische Auseinandersetzung erinnert, als an den Versuch ein ziviles Problem mit zivilen Mitteln zu lösen. Es dominieren gegenseitige Schuldzuweisungen und Drohungen. Derweil gelang es weder den politischen Vertretern Griechenlands, noch den Gläubigern, Wege aufzeigen, wie die Verschuldung Griechenlands auf ein Maß reduziert werden kann, das es dem Land ermöglicht, auf die Beine zu kommen. Europa gibt in diesen Wochen kein gutes Bild ab. Es läuft Gefahr, den letzten Rest seiner Glaubwürdigkeit zu verlieren und entfernt sich mehr denn je von seinen eigenen Idealen.

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Brief an die alte Tante

Liebe Tante!

Es macht mich traurig, zu sehen, wie schlecht es Dir gerade geht. Klar mit Deinen hundertfünfzig Jahren auf dem Buckel hast Du schon so einiges überstanden. Und warum solltest Du nicht auch Deine momentanen Unpässlichkeiten überwinden können? Einfach Kurs halten, das war ja schon immer Deine Devise. Aber bist Du Dir sicher, dass Du so wieder auf die Beine kommst?

Die Symptome kennst Du sicherlich bereits von früheren Erkrankungen: Beschlüsse, die Du gefasst und in die Tat umgesetzt hast, werden Dir als Verrat an den Menschen angekreidet, deren Wohl Dir eigentlich besonders am Herzen liegt. Andere Ergebnisse Deiner Bemühungen, die eigentlich Erfolge sind, werden als unzureichend abgetan. Offenbar kannst Du es niemandem recht machen und das zeigt sich dann auch darin, dass Du nicht die Zuneigung erhältst, die für Dich als demokratische Partei nunmal überlebenswichtig ist. Ich kann verstehen, dass Du deswegen Bitterkeit empfindest, schließlich hast Du ja nur Deine Pflicht getan.

Verständlich ist auch Deine Hoffnung, dass am Ende schon genügend Leute die Lauterkeit Deiner Absichten erkennen und sich Dir wieder wohlwollend zuwenden werden. Ich fürchte nur, Du wirst Deine momentane Erkrankung so nicht überwinden können. Mir scheint, dass Deine Probleme dieses mal tiefer liegen.

Ich bin mir sehr sicher, was Dich gerade schwächt, ist der Beginn von Veränderungen epochalen Ausmaßes, die sich aufgrund der technischen Revolution infolge der Digitalisierung und Automatisierung von Arbeitsabläufen bereits seit einiger Zeit ankündigen. Gerade für Dich, die stolze, traditionsbewusste Arbeiterpartei, die sich über die Jahre bereits zu einer Streiterin für die Interessen aller Benachteiligten in der Gesellschaft entwickelt hat, bedeutet das, was wir alle gerade erleben, eine besondere Herausforderung.

Es ist nicht weniger, als die Basis Deiner Existenz, die Du gerade wegbröckeln siehst: Die Erwerbsarbeit als die entscheidende Grundlage für sämtliche gesellschaftlichen und sozialen Einrichtungen ist dabei, ihre zentrale Stellung einzubüßen. Mit dem Niedergang der Erwerbsarbeit verbunden ist ausgerechnet die Schwächung der Menschen, die Dich all die Jahre getragen, geprägt und stark gemacht haben. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erfahren immer stärker und immer öfter, dass ihre Tätigkeit verzichtbar wird. Auf der Strecke bleibt ihre Verhandlungsmacht beim Aushandeln der Arbeitsbedingungen und allzu oft auch die Wertschätzung, die sie erfahren.

Nein, ich fürchte, was Du gerade erlebst, ist keine vorübergehende Unpässlichkeit, sondern eine schwere, lebensgefährliche Erkrankung. Wenn es Hoffnung geben soll, dass Du sie überstehst, musst Du das zunächst einmal selbst erkennen. Ein Stück weit wirst Du Dich auch selbst neu erfinden müssen. Wenn Dir das aber gelingt, hast Du allerbeste Chancen, auch die nächsten hundertfünfzig Jahre tatkräftig mitzugestalten.

Ich hoffe jedenfalls dass es Dir gelingt, denn es sind gerade Deine Urerfahrungen, die jetzt dringend benötigt werden. Erinnerst Du Dich noch an Deine Anfangstage? Es war eine technische Revolution, ähnlich wie heute, die es notwendig machte, die gesellschaftliche Zusammenarbeit der Menschen völlig neu zu erfinden. Die Perfektionierung der Dampfmaschine und die neuen Möglichkeiten durch die Nutzung der Elektrizität hatten die alten handwerklich geprägten Strukturen in der Produktion von Waren mit ihren überschaubaren und fast familiären Dimensionen ineffizient werden lassen. Größe und Zentralisierung war auf einmal gefragt und führte dazu, viele Menschen zu entwurzeln, Familien wurden auseinandergerissen.

Du hast erkannt, dass ohne eine vernehmbare Stimme für die Vielen, die nichts hatten außer ihrer Arbeitskraft, eine soziale Katastrophe drohte. Du hast die damals ungeheuerliche Forderung gestellt, die uns heute so selbstverständlich erscheint: Jedem Menschen muss es möglich sein, ein Leben in Würde zu führen! Eine Gesellschaft, die das nicht gewährleistet, muss zugrunde gehen und ist es auch nicht wert, bewahrt zu werden.

Eine mindestens ebenso große Herausforderung stellt sich auch heute wieder. Nur wird die Situation noch dadurch komplizierter, dass es die von Dir maßgeblich mitgeprägten Strukturen der Arbeitsgesellschaft sind, die aufgrund der rasenden technischen Entwicklung nicht mehr in der Lage sind, allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Lange Zeit waren diese Strukturen ja auch richtig und es galt der Satz, dass nur die Wirtschaft brummen und die Schlote rauchen mussten, um allen Menschen das bestmögliche Leben zu ermöglichen. Noch die Agenda 2010 war ja der Ausdruck dieses Vertrauens in die Kraft der Erwerbsarbeit.

Du wirst erkennen müssen, dass dieses Vertrauen unter den veränderten Bedingungen nicht mehr ausreicht. Die grundlegenden Strukturen werden nicht so bleiben können, wie sie sind, auch wenn konservative Kräfte im politischen Spektrum derzeit immense Zuläufe haben weil sie gerade das behaupten. Was bleibt, ist Deine ursprüngliche Forderung. Es muss jedem Menschen möglich sein, ein Leben in Würde zu führen! Deine Aufgabe ist es, in dem gesellschaftlichen Umbruch, der längst begonnen hat, genau diese Forderung immer und immer wieder zu erheben. Du wirst sehen, genau das ist auch die Kur, mit der Du Deine Krankheit überwinden wirst.

Alles Gute wünscht Dir Dein Neffe

Thomas

Patt in der Eurokrise – wie geht es weiter?

Anfang des Jahres schien es einen Moment lang Grund zur Erleichterung zu geben : Griechenland einigte sich mit der Eurogruppe, das Hilfsprogramm bis zum 30. Juni dieses Jahres zu verlängern. Der Bankrott des griechischen Staates war damit zunächst abgewendet. Die damalige Einigung auf eine Verlängerung des Verfahrens war allerdings keine Einigung in der Sache. Das Problem wurde lediglich vertagt, eine Lösung zeichnet sich aber nicht ab. Zu gegensätzlich sind offenbar die Positionen der griechischen Regierung und der europäischen Geldgeber, allen voran der deutschen Bundesregierung.

Niemand hat sich durchgesetzt

Offenbar ist aber auch keine der beiden Seiten stark genug, um ihre Sicht der Dinge gegenüber der anderen Seite durchzusetzen. Wie auch, sind es doch zwei Wahrheiten, die hier scheinbar in einen unlösbaren Konflikt miteinander geraten: Eine Wirtschaft kann auf der einen Seite nur dann auf die Akzeptanz der Bevölkerung hoffen, wenn es ihr hinreichend gut gelingt, die Bedürfnisse der Menschen innerhalb eben dieser Bevölkerung zu befriedigen. Auf der anderen Seite kann eine Wirtschaft auf Dauer nur erfolgreich funktionieren, wenn sie die Leistungen, die sie verspricht, auch erwirtschaftet (mehr dazu auch hier). Angesichts der schrillen Tonlage, in der die Repräsentanten beider Seiten miteinander sprechen (angeheizt noch durch die Presse), wird es nicht leicht sein, einen Kompromiss zu finden, der den Interessen der europäischen Geldgeber genauso dient, wie den Interessen der griechischen Bevölkerung. Zu sehr vernebeln mittlerweile nationalistische Stereotype den Blick aller und verhindern eine nüchterne Analyse der Probleme. Über allem hängt das Damoklesschwert des Austritts Griechenlands aus dem Euro, allerdings nicht als Drohung der Euroländer an Griechenland, sondern eher als dem schlechtesten Ereignis für alle, das eintreten kann.

Folgen eines Ausscheidens

Ein „Grexit“ oder auch „Graccident“ wäre das Eingeständnis, dass Europa seine Probleme nicht lösen kann. Die logische Folge wäre die Frage, welches Euroland wohl als nächstes in Schwierigkeiten käme. Wie viele Austritte aus dem Euro wären aber für den Zusammenhalt in Europa noch verkraftbar?

Zweifelhaft ist auch, ob ein Austritt Griechenlands aus dem Euro überhaupt positive Seiten hätte. In einem Gebiet, in dem Menschen per Verfassung das Recht haben, ihren Wohnsitz frei zu wählen, Waren und Dienstleistungen überall frei anzubieten und nachzufragen sowie sich beruflich zu betätigen, werden die extremen Unterschiede in der Wirtschaftskraft, für die Deutschland und Griechenland zur Zeit exemplarisch stehen, immer zu Verwerfungen führen, auch wenn diese Verwerfungen vielleicht eine Zeit lang durch die Abwertung einer Währung kaschiert werden können.

Leider kein Spiel

Nein, ein Austritt aus dem Euro wäre aller Voraussicht nach keine Lösung, sondern höchstens der Anfang einer generellen Renationalisierung und wirtschaftlichen Abschottung in Europa. Das mag manchen Anhängern der „guten alten Zeit“ die Augen zum leuchten bringen, mir bereitet es große Sorgen. Die Nationalstaaten in Europa und ihr Merkantilismus haben ihre Unfähigkeit, Frieden und Wohlstand zu sichern, im zwanzigsten Jahrhundert wahrlich zur Genüge unter Beweis gestellt! So ähnelt die momentane Situation einem Patt im Schachspiel, bei dem ein Spieler derart in die Enge getrieben worden ist, dass er keinen Zug mehr machen kann, ohne mit seinem König ins Matt zu geraten. Eine solche Stellung wird als Unentschieden gewertet. Leider ist die Eurokrise kein Spiel, ein Unentschieden ist nicht vorgesehen. Die bange Frage lautet also: Wie geht es weiter?

Eine andere Perspektive

Diese einfache Frage lässt sich im Zusammenhang mit der Eurokrise offenbar derzeit nicht befriedigend beantworten. Möglicherweise liegt die Erklärung, warum die Lage momentan so aussichtslos erscheint, aber auch in den bislang unzureichenden Ansätzen zur Erklärung der Schuldenkrise in Europa. Wenn man die allzu einfachen Erklärungsmuster von den faulen, kriminellen Griechen und den großmachtssüchtigen, arroganten Deutschen auf den Müllhaufen kleingeistigen Unsinns wirft (wo sie hingehören), sollte es doch möglich sein, ein oder zwei Schritte zur Seite zu treten, und das Problem aus einer anderen Perspektive zu betrachten: Unterstellt, die Wirtschaft in Europa hat sich in den Jahrzehnten des immer enger werdenden Binnenmarkts von den einzelnen Nationalstaaten gelöst und ist tatsächlich eine europäische Wirtschaft geworden. Wäre es dann nicht folgerichtig, die wirtschaftlichen Probleme in Deutschland, wie in Griechenland oder jedem anderen Staat in Europa (vermutlich sogar weltweit) als die Folge ein und des selben Grundproblems zu verstehen?

Auch die deutsche Wirtschaft hat Probleme

In Deutschland ist ja keineswegs alles Gold, was im europäischen Vergleich gerade so glänzt. Die Probleme sind für die deutsche Gesellschaft nicht direkt existenzbedrohend, führen aber zu ihrer fortschreitenden Erosion, weil der organisatorische Rahmen der deutschen Wirtschaft zwar robuster ist, als der in Griechenland, jedoch für zu viele Menschen keinen Platz mehr bereithält, an dem sie sich sinnvoll beteiligen können. Ohne einen solchen Platz fehlt den Menschen die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft sicherzustellen und schlimmer noch, sie werden letztlich aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Auf lange Sicht bedeutet das für sie ein vergleichbares Schicksal, wie es gerade für die griechische Gesellschaft zu beobachten ist.

Was uns gemeinsam ist

Das gemeinsame Grundproblem – neben der zu starken Fixierung auf nationale Ökonomien – ist meines Erachtens, dass die revolutionäre Entwicklung der digitalen Technologie einen tiefgreifenden Wandel der gesellschaftlichen Zusammenarbeit notwendig macht, diese Notwendigkeit aber in den politischen Institutionen bislang noch kaum anerkannt ist. Die Ursachen für Phänomene, wie die seit etwa fünfzig Jahren zunehmende Arbeitslosigkeit, beruhen zu einem erheblichen Teil auch darauf. Solange diese Ursache für die Entstehung von Arbeitslosigkeit jedoch nicht angemessen in die Überlegungen nach Strategien mit einbezogen wird, können die Maßnahmen, die daraus entwickelt werden, auch kaum zu dauerhaftem Nutzen führen, denn die technische Entwicklung wird weiter gehen und die Erfahrung lehrt, dass die verbesserten Maschinen mit Sicherheit auch zur Anwendung kommen.

Das führte in der Vergangenheit zu (hier lediglich grob skizzierten) Reaktionen auf die Möglichkeit, Waren mit immer geringerem Einsatz menschlicher Arbeitskraft herstellen zu können, die das heutige Dilemma im Euroraum zumindest mit herbeigeführt haben:

  • Menschliche Tätigkeit verlagert sich zunehmend in den Bereich der Dienstleistungen, es gibt aber bis heute kein Konzept, die Dienstleistungen so in die Wirtschaft zu integrieren, dass sie angemessen bezahlt werden können. Sie werden so gut es geht öffentlich finanziert – überwiegend durch Schulden finanziert. In Griechenland ist das zu sehen. Die Wirtschaft dort ist weit überwiegend durch die Erbringung von Dienstleistungen geprägt.
  • Um in industriegeprägten Regionen mehr Menschen mit der Produktion von Waren beschäftigen zu können, wurde die Menge der produzierten Waren drastisch ausgeweitet und damit der weltweite Handel verstärkt, die daraus entstehenden sozialen und ökologischen Wechselwirkungen werden aber weiterhin ausschließlich national betrachtet. Gleichzeitig werden die Bedürfnisse der Einzelnen ökonomischen Zwängen weitestgehend untergeordnet. Im inneren Bereich werden Menschen damit zunehmend zu Objekten wirtschaftlichen Kalküls und nach außen hin wirkt sich eine solche exportfixierte Wirtschaft in aggressiver Weise hemmend für andere aus. Die Wirtschaft in Deutschland ist dafür ein Paradebeispiel. Sie ist schon traditionell stark exportorientiert und der Exportanteil hat sich in den vergangenen Jahren noch weiter erhöht. Das zu ermöglichen, war ein erklärtes Ziel der Hartz-Reformen.

Neue Strategien finden

Die festgefahrene Lage in der Eurokrise zeigt meiner Meinung nach, dass beide Strategien die Grenzen ihrer Möglichkeiten überschritten haben. Soll Europa eine Chance haben, seine wirtschaftlichen Probleme einigermaßen befriedigend zu lösen, muss es gelingen, diese starren Positionen zu verlassen und neue, gemeinsame Wege zu finden indem die Verantwortlichen beginnen, die tatsächlichen Gründe für die Eurokrise in ihre Überlegungen mit einzubeziehen. Vor allem muss es das Ziel sein, allen Menschen in Europa (im ersten Schritt) wieder eine verlässliche Perspektive zu geben, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Das Neue zu wagen, wird selbstverständlich nicht einfach und wird sicherlich noch einige Risiken bergen. Niemand kann hier auf erprobte Strategien zurückgreifen, denn der momentane Stand der Technologie ist nun einmal etwas, das zuvor noch nie dagewesen ist. Jedoch hat Europa gerade in Krisenzeiten bislang immer am besten zusammengearbeitet. Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Gelegenheit günstiger, das erneut unter Beweis zu stellen?

Es ist wichtig, dass wir zusammenstehen – in ganz Europa!

Erneut haben gewissenlose Wirrköpfe mit skrupelloser Gewalt auf den Pluralismus und die Liberalität der westlichen Gesellschaft reagiert. In Kopenhagen mussten bei Schüssen in einem Kulturzentrum und einer Synagoge zwei Menschen sterben, weitere wurden verletzt. Die Tat macht mich traurig und wütend. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen und Freunden der Opfer. Gleichzeitig sehe ich uns alle herausgefordert, unsere gemeinsamen Werte umso höher zu halten. Ich stimme dem Appell der dänischen Königin Margarethe aus vollem Herzen zu: „Es ist wichtig, dass wir in so einer schwierigen Situation zusammenstehen und die Werte schützen, auf die Dänemark gebaut ist.“

Es ist Europa, das zusammensteht

Ich möchte die Aussage der Königin sogar noch erweitern, denn die Dänen sind nicht allein. Mordtaten wie diese greifen Werte an, auf die ganz Europa gebaut ist und Europa ist es auch, das zusammenstehen muss und wird! Die feigen Taten in Kopenhagen sollen, genau wie die feigen Taten in Paris und die der vergangenen Jahre, die Menschen verunsichern und ein Klima des gegenseitigen Misstrauens schaffen. Das gilt es ebenso zu verhindern, wie die Machenschaften derjenigen, die solche Attentate rechtfertigen, zu ihnen aufrufen oder sie im Hintergrund planen.

Ein Wir-Gefühl entgegensetzen

Dem Hass und dem Wahn, die solch sinnloser Gewalt immer zugrunde liegen, müssen wir alle Zusammenhalt und ein Wir-Gefühl entgegensetzen. Genau hier habe ich aber auch Hoffnung. Die Tragödien, speziell zu Beginn dieses Jahres, haben nach meinem Gefühl eine Betroffenheit in der gesamten europäischen Bevölkerung ausgelöst, die ich vorher in dieser Stärke noch nicht wahrgenommen habe. Immer mehr Menschen verstehen die Ereignisse in Europa als ihre eigenen, egal ob sie Bürger des Landes sind, in denen sie geschehen.

Für gemeinsame Werte gemeinsam einstehen

Es wird den Menschen immer klarer, dass wir Europäer gemeinsame Werte teilen, die gelebt und wenn nötig verteidigt werden müssen – und für die sich das auch lohnt! Kopenhagen, Paris, Oslo und Utøya, Madrid und London liegen vielleicht in unterschiedlichen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Sie gehören aber zueinander, genau wie Berlin, Wien, Warschau, Riga, Athen und alle anderen Orte auf diesem Kontinent, der so großartige Ideen hervorgebracht und so viel Leid gesehen hat.

Beides, das Leid und die großartigen Ideen sind es, die das Projekt der europäischen Einigung so wichtig machen. Das Leid ist Grund und Ansporn, die Ideen sind Auftrag und Anleitung. Nach dem zweiten Weltkrieg war der erste Gedanke, dass Katastrophen, wie die der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nie wieder geschehen dürfen. Mittlerweile verstehen wir, wie wichtig es deswegen ist, gemeinsam zu fühlen, füreinander einzustehen und ein gemeinsames Bewusstsein, eine gemeinsame Öffentlichkeit zu schaffen.

Das Gefühl der Zusammengehörigkeit wächst

Dieses Verständnis ist nach meinem Gefühl in den vergangenen Jahren noch einmal gewachsen. Jeder, der in Europa Menschen angreift, muss mittlerweile wissen, dass er damit alle Europäer angreift. Darauf müssen wir aufbauen, nicht nur in Ausnahmesituationen, wie den jüngsten Verbrechen. Das gerade entstehende Gemeinschaftsgefühl ist genauso gefordert bei der Bewältigung der alltäglichen Probleme, sei es der Aufbau einer gemeinsamen Wirtschaft, die tatsächlich den Menschen dient, sei es die Bewältigung der Flüchtlingsproblematik auf eine Weise, die den entwurzelten Menschen eine reale Perspektive bietet.

Alle diese Probleme müssen gelöst werden. Wir Europäer haben die Möglichkeiten dazu, wenn wir lernen, unsere Kräfte wirksam zu bündeln. Wenn das gelingt, dann haben die Attentäter ihr Ziel verfehlt. Es bedeutet die Niederlage für alle, die Hass und Gewalt säen wollen. Dafür lohnt jede Anstrengung!

Die Zukunft des Internets – von der Notwendigkeit der Kommunikation

Auf der Website businesinsider.com ist kürzlich ein interessanter Artikel erschienen, der sich mit der Zukunft des Internets befasst. Urheber des Artikels ist der amerikanische Industrieverband „National Cable & Telecommunications Association (NCTA)“.  Er zitiert einige in den USA anerkannte Experten zu diesem Thema mit Aussagen darüber, wie sich die Nutzung des Internet innerhalb der kommenden fünf, zehn und fünfzehn Jahre verändern könnte und wie sich das gesellschaftlich auswirken könnte. Ich möchte ein paar Aussagen des Artikels aufgreifen, allerdings unter dem erweiterten Blickwinkel der Kommunikation.

Die Vorhersagen der Experten

Bereits im Jahr 2013 sagte der Vorstandsvorsitzende von Google, Eric Schmidt, vorher, es werde innerhalb von fünf Jahren allen Menschen weltweit möglich sein, Zugang zum Internet zu erhalten. In zehn Jahren werden nach Ansicht des Internetpioniers David Hughes die Menschen virtuelle Staaten gründen, die sich nicht mehr territorial, sondern nach gemeinsamen Interessen definieren. Die amerikanische Professorin Nicole Ellison wird mit der Erwartung zitiert, dass sich die Menschen aufgrund der zunehmenden Vernetzung auch die weltweit sehr unterschiedlich verteilten Chancen auf ein gutes Leben stärker bewusst machen werden, was die meisten als eine nicht hinnehmbare Ungerechtigkeit empfinden werden. In fünfzehn Jahren erwartet der amerikanische Blogger George Dvorski gar die Anbindung des Weltraums an das irdische Internet.

Utopien? Aber durchaus realistische!

Für viele Leser mag sich das jetzt allzu utopisch anhören, einiges davon halte ich aber für durchaus realistisch. Den Bedeutungsverlust von Nationalstaaten kann ich zum Beispiel gut nachvollziehen, wenn ich auch bei den Strukturen, die da neu entstehen, nicht von Staaten sprechen möchte. Entscheidend ist die Kommunikation. Menschen, die miteinander kommunizieren und bestimmte Interessen teilen, entwickeln nahezu automatisch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Da die weltweite Kommunikation zumindest technisch nicht mehr an nationale Grenzen gebunden ist, werden es auch die neuen emotionalen Verbindungen nicht sein. Die logische Folge ist, dass die Begrenzung durch die Nationalstaaten mehr und mehr in Frage gestellt wird. Ebenso halte ich die Schlussfolgerung von Professor Ellison, die Welt werde zu einem emphatischeren Ort werden, für plausibel. Menschen, die miteinander emotional verbunden sind, haben ein gegenseitiges Interesse am Wohlbefinden des jeweils anderen.

Die Entwicklungen, die nach fünfzehn Jahren vorhergesagt werden, finde ich dagegen etwas einfallslos. Die digitale Vernetzung auch ins Weltall auszudehnen, halte ich für nicht sehr sinnvoll, solange sich der Lebensraum der Menschen mit Ausnahme der Besatzung einiger Raumstationen ausschließlich auf der Erde befindet. Aber der Artikel fordert auch alle auf, eigene Gedanken und Utopien zu entwickeln.

Wenn schon rumspinnen, dann sinnvoll

Meine Utopie setzt an dem Problem an, dass die Kommunikation über Grenzen hinweg bis zum heutigen Tag so limitiert ist, weil die Menschen einander schon rein sprachlich nicht verstehen. Wenn die weltweite digitale Vernetzung tatsächlich zu vermehrter weltweiter Kommunikation und so zu weltweiter Verbundenheit der Menschen führen soll, müssen sich die Menschen gegenseitig verstehen. Verstehen bedeutet dabei nicht die reduzierte Art von Verständnis, wenn jemand eine Sprache spricht, die nicht seine Muttersprache ist, sondern ein tiefer gehendes Verständnis auch für Zwischentöne.

Das soll nicht bedeuten, dass die Zahl der Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden, reduziert werden müsste. Es dürfte auch wenig aussichtsreich sein, sich auf eine der gesprochenen Sprachen als „Weltsprache“ zu einigen. Letztlich werden die Menschen aber nicht umhin können, etwas für das gegenseitige Verstehen zu tun. Warum sollte es nicht möglich sein, die heute verfügbare Technologie  weiter zu entwickeln und damit einen ähnlichen Effekt zu erreichen, wie das Lebewesen, das Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“ den Babelfisch genannt hat? Es ist gewiss satirisch gemeint, wenn Adams beschreibt, dass man sich den Babelfisch ins Ohr einsetzt, damit der sich dann von Hirnwellen ernährt und Bedeutung telepathisch wieder aussendet. Genial gedacht ist es allemal, denn so könnten alle ihre eigene Sprache sprechen und einander trotzdem verstehen.

Ist eine solche Utopie nicht viel sinnvoller, als Glasfaserkabel auf dem Mars zu verlegen?

Was ist der Sinn der Wirtschaft?

Die aktuelle Diskussion um die Zukunft Griechenlands in der Gruppe der Eurostaaten bewegt sich, wie auch die vorherigen Diskussionen um die finanzielle Stabilität der Eurozone, sowohl auf dem Feld der klassischen Währungspolitik, als auch auf dem Feld der allgemeinen Wirtschaftspolitik. Wie muss die Wirtschaft eines Eurostaates verfasst sein, um langfristig einen Beitrag zur Stabilität der Währung leisten zu können? Regelmäßig kommt diese Diskussion an einen Punkt, an dem zwei Positionen in Frontstellung zueinander geraten.
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